| Eine Rückschau auf PIA
Der Weg zum Aufbruch von Ruth Cachot |
Cathérine Merz vom Arbeitslosenkomitee Basel drückte mir Ende Oktober 1999 einen hellgrünen Flyer in die Hand und meinte: Wäre das nichts für dich? Mit dem Blatt in der Hand fuhr ich zum Bahnhof. Erst im Zug nach Hause sah ich mir dieses kleine, schmale Blatt genauer an. Eine Frau am Strand eines Meeres, sie hält Ausschau durch den Feldstecher wohin? Dieses Bild, nicht sehr deutlich, hat mich auf Anhieb angesprochen. Meine Stimmung hat ihm zu der Zeit genau entsprochen. Nach einer Weile begann ich zu lesen: Erobern wir das Gleichstellungsgesetz. Gleichstellung meine ersten Gedanken waren: Mutterschaftsversicherung, Frauenquoten usw. Wie sollen wir gleichgestellt sein, wenn wir nicht einmal zusammenhalten?
Mein Beruf ist Maschinenzeichnerin und eigentlich glaubte ich diese Probleme aus meinem Alltag gar nicht zu kennen. Jeden Tag schaute ich dieses Bild wieder an. Zwei Tage nach Kursbeginn entschied ich mich für die Teilnahme an PIA. Ich wollte schauen, was bei uns Frauen denn falsch läuft in Sachen Gleichstellung.
Mit gemischten Gefühlen stand ich an der Greifengasse 7 und drückte die Klingel. Im 2. Stock, im Schulungsraum, wurde ich von Claudia Studer begrüsst. Acht Frauen sassen um die Tische, und ich glaubte zu spüren: Frauen mit vielen ungelösten Problemen, unfähig diese zu lösen. Die Vorstellungsrunde zeigte, dass wirklich viele Schicksale hier zusammentrafen. Für mich beinahe unvorstellbar.
Wir wurden an sechs Abenden mit dem Gleichstellungsgesetz vertraut gemacht. Claudia Studer brachte immer die passenden und aktuellsten Zeitungsausschnitte als Aufgaben mit. Ab und zu stellte sie ihren Theaterkoffer auf und spielte uns daraus eine entsprechende Szene vor. Wir arbeiteten in Gruppen und die Resultate wurden im Plenum jeweils diskutiert. Die eigenen Probleme durften wir immer auch thematisieren.
Katrin Bichsel, unsere Juristin, stand uns während zwei Abenden für persönliche Fragen zum Thema Gleichstellung zur Verfügung und hat uns die Problematik der Altersversicherungen erklärt. Jedesmal freute ich mich auf diesen Abend. Sie ist eine tolle Frau, sie konnte uns alles deutlich und gut erklären und machte uns Mut, uns für unsere Rechte einzusetzen.
Jeden Freitagmorgen fragte mich mein Sohn, wie es bei PIA war, und jedesmal antworte ich: Philippe, ich weiss nicht wie lange ich noch zu PIA gehe, ich habe soviel Mühe mit diesen Frauen. Die einen waren für mich zu feministisch, zu negativ, verletzt von der Vergangenheit, destruktiv. Vor allem aber fehlte Teamfähigkeit und Toleranz in der Gruppe. Eine Frau spürte ich besonders negativ, so abweisend und sie sagte so oft, dass ihr alles scheissegal wäre und dass alles doch nichts nützen würde. Ich fasste Mut und suchte das Gespräch mit ihr. Ich fragte, was sie denn verändern möchte. In der Schule müsste begonnen werden, dort ist soviel Ungerechtigkeit, antwortete sie. Die schlechten Erfahrungen, welche sie und ihre Kinder während der Schulzeit machten, haben diese Frau geprägt und ich konnte sogar ihren Schmerz nachfühlen. Ab diesem Tag mochten wir uns besonders gut.
Nach dem Grundkurs Gleichstellung waren wir uns alle einig, dass wir noch Einiges bewegen wollten. Ich schloss mich zusammen mit zwei weiteren Frauen zu einer Arbeitsgruppe zusammen. Unser Thema: Wir müssen bei Jugendlichen den Selbstwert und die Selbständigkeit in Form einer Lebensschule fördern. Mit einer Flip-Chart ausgerüstet sassen wir drei im kleinen Büro im 5. Stock und versuchten im ganzen Angebot Schüler und Schulen uns auf ein Thema zu einigen. Die eine Kollegin wollte die Schüler der 3. und 4. Klasse ansprechen, ich eher die Abschlussklassen. Unsere dritte Kollegin hatte keine eigene Vorstellung und konnte sich nicht für den einen oder anderen Vorschlag entscheiden. Noch bevor wir eine Entscheidung treffen konnten, kam es zur Explosion. Ich kann bis heute nicht nachvollziehen, wie es zum Streit zwischen meinen beiden Kolleginnen gekommen ist. Jedenfalls war die Lage nicht mehr zu retten und einige Tage später musste ich feststellen, dass unser Projekt in ganz kurzer Zeit ein jähes Ende nahm. Die eine Kollegin hat seither den Weg zu PIA nicht mehr gefunden.
In der zweiten Arbeitsgruppe schlossen sich vier Kolleginnen für ein Thema in Richtung Gleichstellung am Arbeitsplatz zusammen. Sie wollten mehr Aufmerksamkeit für
Wie sollen diese Forderungen an die Frau und den Mann gebracht werden? Sie wurden sich einig und entschlossen sich für eine Unterschriftensammlung. Noch nie hatten diese Frauen so etwas gemacht. Mit viel Kraft und Energie möchten sie sich für eine bessere Zukunft der Frauen einsetzen. Ich bewunderte sie. Ausserhalb von PIA trafen sie sich und organisierten einen Stand im Kleinbasel.
Auch ich wurde angefragt, ob ich kommen könnte. Ehrlich gesagt, so etwas habe ich noch nie in meinem Leben gemacht! Ich fasste Mut und sagte zu. Karten zum Thema wurden gedruckt und Ballone bestellt. Der Tag kam und ich stand an der Strasse, sprach jedermann auf die Punkte an, die mir wichtig waren und ich staunte. Ob Jung, ob Alt, Frau oder Mann, alle hörten mir zu und kaum jemand war nicht meiner Meinung! Das gibt es doch nicht! Es war für mich eine wunderbare Erfahrung und doch sind wir nicht gleichgestellt. Die Aktion hat sich auf jeden Fall gelohnt und ich danke den beteiligten Frauen für ihr Engagement.
Heute sind wir PIA-Frauen schon beinahe ein Jahr zusammen, konnten uns natürlich während der Kaffeepausen viel erzählen und sind inzwischen eine kleine Interessengemeinschaft geworden. Die persönlichen Sorgen und Probleme kommen auf den Tisch, werden diskutiert, gute Ideen werden ausgetauscht. Um neun Uhr, wenn PIA fertig ist, gehen wir ab und zu ins Restaurant nebenan. So ist jeder Donnerstag Abend erlebnisreich und jede Teilnehmerin geht jeweils zufrieden nach Hause.
PIA hat sich für mich gelohnt. Danke!
Ruth Cachot
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Heute weiss ich, wo und wie ich Hilfe holen kann von Kathrin Saluz |
PIA, die Lernwerkstatt zum Gleichstellungsgesetz, war in zwei Basiskurse mit anschliessenden Vertiefungsphasen gegliedert. Den Teilnehmerinnen stand es offen, nur einen Basiskurs zu besuchen oder sich gleich über mehrere Monate hinweg mit dem Gleichstellungsgesetz auseinanderzusetzen. Vor allem für jüngere Frauen mit Familienpflichten war es schwierig, sich den Donnerstag-Abend für längere Zeit freizuhalten. Doch auch eine kurze Zeit unter Pionierinnen wirkt nachhaltig.
Vor einem Jahr habe ich zum ersten Mal von PIA gehört. Ich bin 32 Jahre alt, Mutter eines mittlerweile 2-jährigen Sohnes, verheiratet und in einer 60%-Stelle in einem Pflegeheim tätig. Meine Motivation zu PIA zu gehen, war hauptsächlich die, mehr über meine Rechte als Frau zu erfahren, um mich auch im Berufsleben besser verteidigen zu können. Dieses Versprechen hat der Kurs auch eingelöst. Ich habe sehr viele Informationen zum Gleichstellungsgesetz erhalten, ich habe gelernt, wie man mit einem Anliegen an die Öffentlichkeit treten kann, wie man ein Anliegen kreativ umsetzen kann aber auch, wie schwer es ist, in der Gruppe einen Konsens zu finden.
Ausserdem habe ich eine Juristin erleben können, wie sie mit den beruflichen Problemen einiger PIA-Kolleginnen umgegangen ist. Sie hat massgeblich dazu beigetragen, dass ich meine Scheu vor AnwältInnen verloren habe. Ich habe aber auch gehört, wie teuer es kommen kann, einen Prozess zu führen, bzw. nervenaufreibend und langwierig, meistens. Es ist mir klar geworden, wie wichtig es ist, diese Dinge nicht im Alleingang zu tun.
Ich weiss heute, wo und wie ich Hilfe holen könnte, wenn ich sie bräuchte. Ich bin auch viel sensibler geworden gegenüber Gleichstellungsfragen und kann einen eigenen Standpunkt definieren. Ich würde den Kurs wieder besuchen, auch deshalb schon, um mit anderen Frauen in verschiedenen Alters- und Lebenssitutationen so interessante Gespräche führen zu können.
Kathrin Saluz
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