Arbeitslosenkomitee Region Basel

Jahresbericht 1999

Aus einer Untersuchung über das Arbeitslosenkomitee

Petition des Arbeitslosenkomitees an den 

Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt:

"Selbsthilfe schafft sinnvolle Arbeit!"

Cathérine Merz gibt Ihnen gerne weitere Auskünfte über das AKB. Tel. 061 691 51 41.

Jahresbericht AKB 1999

Viavia.ch
Tauschring TOBIBAS
Computer Raum und Schulung
Gschängg-Tuusch Aktion für Kinder
Wissensgemeinschaft
Zu Besuch im Zuger Arbeitslosentreff ZALT
Kongress gegen Erwerbslosigkeit
Aktionen
AKB international - VETO gegen Arbeitslosigkeit
Jahresrechnung und Bilanz 1999
Vorstand

viavia.ch - Homepage der Arbeitslosengruppen in Basel

Bisher haben am seit 1997 laufenden Projekt der Homepage 'Viavia' des AKB folgende Personen teilgenommen:
Michele Alvaro, Andreas Hagenbach, Rolf Lattmann, Givanni Simon, Peter Berger, Hans-Georg Heimann.
Zur Zeit sind René Reinhard und Hans-Georg Heimann aktiv.

1999 wurde die Seite um Informationsangebote zur Arbeitslosenversicherung und zum Arbeitsrecht erweitert. In Vorbereitung ist ein Schulungskurs, damit weitere Personen bei der Gestaltung der Homepage mitarbeiten können.

Aus der Serverstatistik können wir entnehmen, dass pro Monat durchschnittlich 1 500 Besucher unsere Seite aufsuchen. Der bisherige Besucherrekord betrug über 5000 Einwahlen. Es lohnt sich also durchaus, eine gut aufgebaute und mit aktuellen Inhalten gefüllte Seite zu führen!

Tauschring TOBIBAS

Die Hauptaktivität des Tauschringes Tobibas bestand in der Organisation und Durchführung des Geschenktausches für Kinder (siehe Bericht 'Gschängg-Tuusch-Aktion'). Daneben ist der Tauschkreis mehr oder weniger eingeschlafen. Die letzte aktuelle Marktzeitung mit den Tauschangeboten und gesuchen ist im Frühjahr 1999 erschienen. Danach hat das Computervirus 'CERNOBYL' vom 26. 4. 99 auch allen Daten von Tobibas zerstört. Das Programm ist inzwischen wieder aufgebaut worden. Problematischer ist aber, dass sich nach dem Abgang von Ursula Niedermann bis anhin niemand finden liess, der/die das Projekt weiterträgt und dafür verantwortlich zeichnet.

Die paar wenigen Tauschgeschäfte, die trotzdem stattfinden, zeigen, dass der Grundgedanke des Tauschens nach wie vor attraktiv ist. Aus diesem Grunde beteiligt sich das AKB weiterhin an der Vernetzung der Tauschkreise in Basel.

Schulung und Übung am PC: Computer Raum und Schulung

Verantwortliche Person: Claude Luther
Administration: Cathérine Merz
Beisitz: Hans-Georg Heimann

Dank einer grosszügigen Unterstützung der Stiftung Arbeitslosenrappen konnte das Angebot des Computerraums gestärkt werden.
1999 beanspruchten insgesamt über 100 Personen die Angebote des Computerraums. 49 Einführungskurse wurden abgehalten. Die restlichen Personen nutzten den Computerraum für selbständiges Arbeiten, vorwiegend zur Stellensuche bzw. dem Schreiben von Bewerbungen und Bewerbungsunterlagen.
Ende Jahr waren die Kurse ausgebucht und es musste eine Warteliste eingerichtet werden.

Anfang des Jahres 99 wurde das Angebot des Computer-Raums in einem Faltblatt und in Informationsblättern über die einzelnen Kurse neu dargeboten. Die Werbung erfolgte beim Fürsorgeamt, in den RAV's sowie an weiteren Sozialstellen. Cathérine Merz organisierte einen Werbeeinsatz für den Computerraum im 'Bildungsangebot 2000' der nordwestschweizerischen Gewerkschaften.

Es zeigte sich, dass die finanzielle Absicherung des Computerraumes angesichts der günstigen Preisen für Erwerbslose nicht zu bewerkstelligen ist. Bisher hat nur das KIGA des Kanton Solothurn eine Kostenübernahme bewilligt. Alle versicherten Erwerbslosen aus Basel Stadt und Baselland mussten den Kurs selber berappen. Nur das Fürsorgeamt in Basel-Stadt übernimmt die vollen Kurskosten.

Für das nächste Jahr ist deshalb folgendes geplant:

- Organisation der Kurse neu überdenken (zu lange Kursdauer, Belegungsplan)
- Pädagogisches Konzept formulieren (Lektionsablauf)
- Preisstruktur
- Angebot dem KIGA offiziell unterbreiten

Tauschen statt kaufen: Gschängg-Tuusch Aktion für Kinder

Am 23.12.99 organisierte das Arbeitslosenkomitee Basel in Zusammenarbeit mit der offenen Kirche Elisabethen zum zweiten Mal die 'Gschängg-Tuusch-Aktion' für Kinder.
Durch den ständigen Konsumstress, der bei Kindern sowie bei Erwachsenen zu finden ist, versuchen wir mit unserer Aktion, dem Konsumverhalten entgegen zu wirken und ein anderes Bewusstsein zu sensibilisieren.
Kinder, die in frühen Jahren das Tauschen kennenlernen, haben in späteren Jahren möglicherweise auch ein umweltschonenderes Bewusstsein. Tauschaktionen schonen auch das Portemonnaie der Eltern (ohne Gewähr) .
Die Möglichkeit, ein liebgewonnenes aber vom Alter des Kindes her nicht mehr interessantes Spielzeug gegen ein alt-neues Spielzeug umzutauschen, ohne etwas bezahlen zu müssen, scheint einleuchtend zu sein und macht Spass.
Wir vom Arbeitslosenkomitee und der offenen Kirche Elisabethen erlebten unsere Gschängg-Tuusch- Aktion als ein gelungenes Werk zur Freude der Kinder.
Auch dieses Jahr bestand wieder ein Überschuss an Spielsachen, die wir erneut an die Anlaufstelle für Asylsuchende BS abgeben konnten.

Ein herzliches Dankeschön an Felix Felix, sowie an alle freiwilligen MitarbeiterInnen der offenen Kirche Elisabethen, besonderen Dank auch an die MitarbeiterInnen im Stadtladen, die uns durch ihre wertvolle Hilfe unterstützt und dazu beigetragen, haben unsere Aktion zu realisieren.

Auch diese Jahr wird es wieder eine Gschängg-Tuusch-Aktion für Kinder geben. Genauere Infos werden im Herbst 2000 herausgegeben.

Wissensgemeinschaft: DOKUMENTATION

Seit Juli 1998 hat sich Manfred Reist zuerst im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms, seit April 1999 als 'Freiwilligen-Arbeiter' u.a. um den Aufbau einer Dokumentation zu den Themen Armut, Erwerbslosigkeit, Wirtschaft in seinen verschiedenen Facetten bemüht. Der Materialfundus erweist sich bisweilen als nützlich, wenn es etwa um die Formulierung von Vernehmlassungs-Texten, Zeitungsartikeln oder Broschüren geht. Die Dokumentation wird nicht eigentlich vermarktet, was auch schwierig wäre, da die Dokumentation nur sporadisch besetzt ist. Vielleicht besteht die Möglichkeit, spezifische Themen-Bündel an interessierte Organisationen weiterzureichen, wo sie evtl. besser aufgehoben werden. Die Zukunft der Dokumentattion ist jedenfalls sehr vom perönlichen Einsatz von M. Reist abhängig.

Zu Besuch im Zuger Arbeitslosentreff ZALT:
ZALT - professionell und stilvoll

Nach dem freundlichen Empfang am Zuger Bahnhof durch Nicole Züsli, Mitarbeiterin im Zuger Arbeitslosentreff ZALT, befanden wir uns bald in den freundlich eingerichteten Räumen des Treffs.

Das ZALT beherbergt verschiedene Arbeitsbereiche: eine Cafeteria mit Mittagstisch, einen grosszügig ausgestatteten Computerraum für Erwerbslose zum Schreiben von Bewerbungen, verschiedene Kurs- und Seminarräume für Veranstaltungen und Weiterbildungskurse und einen angenehmen Sitzungsraum. Hier ist viel Platz, sodass die Menschen, die in den Treff kommen, eine angenehme Atmosphäre vorfinden, um sich ihren Bedürfnissen entsprechend informieren zu können.

Marianne Stutz, die Mitbegründerin und Leiterin des Treffs, erzählt uns viel über die Vergangenheit und Entwicklung des ZALT, dessen Anfänge in die Krisenjahre 1992/93 zurückreichen, als es beim Zuger Vorzeigekonzern Landes & Gyr zu Massenentlassungen kam. Nicht wenige der damals Entlassenen fanden nie mehr eine Stelle und gehören heute zu den Ausgesteuerten. Im ZALT trifft sich heute ?ein Querschnitt der Gesellschaft?, wie Marianne Stutz erklärt: Erwerbslosigkeit ist auch im Kanton Zug längst nicht mehr das alleinige Problem unqualifizierter, älterer ArbeitsnehmerInnen – auch ehemalige Banker und andere gut bis sehr gut Qualifizierte finden sich hier ein.

Zu unserem Erstaunen wird die im ZALT geleistete Arbeit - 2,5 Stellen auf vier Personen verteilt - von Gemeinden und Kanton jährlich mit 200'000 Franken unterstützt. Auch wenn die Quälerei der Geldbeschaffung nur noch einen kleineren Teil der täglichen Arbeit ausmacht, ist das ZALT auf jährlich 130'000 Franken Sponsorengelder angewiesen.
Der Arbeitslosentreff ZALT setzt sich das Ziel einer engen Zusammenarbeit und Förderung mit allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Gruppen, die aktiv zur Lösung des Problems Arbeitslosigkeit beitragen.

Nationale Strukturen für Erwerbslose:
Kongress gegen Erwerbslosigkeit

Am 12. Juni 1999 trafen sich in Fribourg rund 150 TeilnehmerInnen zu einem ersten 'Nationalen Kongress gegen Erwerbslosigkeit, Prekarität und Ausgrenzung'. Es gab viel zu besprechen, als sich 150 Erwerbslose, GewerkschafterInnen und auch engagierte MitarbeiterInnen an einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV) zu ihrem ersten Kongress trafen. Besonders in den Diskussionen im Plenum wurde spürbar, welche Frustrationen und wieviel Wut in manchen der TeilnehmerInnen steckte.

Die Arbeit in Arbeitsgruppen zu spezifischen Fragen wurde am meisten geschätzt. Die Besprechung der Ergebnisse bewies das grosse Interesse an einer Weiterverfolgung der Fragen: Wenn Einigkeit über die Schaffung eines existenzsichernden Grundeinkommens für alle herrschte, bedeutete dies heftige Diskussionen darüber, auf welchem Weg dieses Ziel erreicht werden sollte. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger spontanes Verständnis dürften für eine Forderung wie das 'Recht auf Arbeitslosigkeit' haben.

Die Vielfalt der Probleme zeigte sich bei den frauenspezifischen Fragen: Wie und wo können die Kinder untergebracht werden? Wie kann die Privatsphäre vor der Wissbegierde der Behörden geschützt werden? Wie kann eine Kollaboration der RAV mit den ArbeitgeberInnen zu Ungunsten der Erwerbslosen verhindert werden? Wie kann die Stellenvermittlung generell frauengerechter eingerichtet werden?

Der Kongress rief nach einer freien Wahl darüber, an einem Beschäftigungsprogramm teilzunehmen oder nicht. Die Beschäfti-gungsprogramme sollten korrekt entlöhnt und nach ihrem Ablauf ein neues Recht auf Arbeitslosenentschädigung verleihen. Längerfristig verfolgt der Kongress das Ziel eines menschenwürdigen Grundeinkommens (ohne Arbeitszwang) für alle Personen, ohne Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Herkunft oder anderer Kriterien.
Wie gross die Schwierigkeiten einer überzeugenden Vermittlung der gestellten Forderungen sind, zeigte sich nicht zuletzt am Medienecho: In der Westschweiz werden die Aktivitäten der Erwerbslosen bedeutend aufmerksamer wahrgenommen als in der Deutschschweiz, die sich im Hinblick auf das Problembewusstsein als eigentliches 'Entwicklungsgebie' erweist.

Die Arbeit des am Kongress konstituierten 'Rates' verlief in der Folge nicht immer kontinuierlich. Doch hat sich seit Anfang des Jahres 2000 wieder ein Sitzungsrhythmus eingestellt. Aufgrund der neuen Dynamik kann mit der Durchführung eines 2. Kongresses im Herbst/Winter 2000 gerechnet werden.

Aktionen

Mit verschiedenen Aktionen machten die Schweizer Erwerbslosen auf ihre Situation aufmerksam: Am 1. September 99 mit einer kleinen, laut Medienecho sympathischen Aktion im Nationalratssaal wurde gegen die an diesem Tag in Kraft getretenen neuen Sanktionen im AVIG-Bereich demonstriert.

Am 10. Dezember wurde im Rahmen des europäischen Aktionstages gegen Armut und Ausgrenzung der Eingang des Staatsekretariats für Wirtschaft seco blockiert, um der Forderung nach einem Gespräch mit dem Direktor für den Arbeitsmarkt, Dominique Babey, Nachdruck zu verleihen. Das Gespräch kam am 20. Januar 2000 zustande.

AKB international: VETO gegen Arbeitslosigkeit

Seit Mai 1998 befinden sich die Arbeitslosengruppen und -initiativen der trinationalen Region Oberrhein in einem stetigen Kontakt. Im Vordergrund der ca. 2-monatlichen Treffen stehen dabei der Informationsaustausch und die Planung gemeinsamer Aktionen. Zu diesen gehört etwa die Teilnahme an der Euromarsch-Bewegung gegen Armut und Ausgrenzung
(letzte Gross-Demonstration in Köln am 29. Mai 99) und die Organisation lokaler bzw. regionaler Anlässe.

Der Zusammenschluss der 'Vereinigung der Erwebslosen-Initiativen der Trinationalen Oberrhein' (V.E.T.O.) hat im Jahr 99 namentlich Fortschritte bei der amtlichen Registrierung als ordentlicher Verein gemacht. Die Absicht dahinter ist, als Gesprächspartner auf EU-Ebene auftreten zu können. Dies ist insbesondere im Hinblick auf die Bewilligung von autonom entwickelten Projekten im Rahmen der Interreg-Programmewichtig. Entsprechende Projekte sind derzeit in Arbeit und z.T. im Abschluss begriffen.

Jahresrechnung 1999

Einnahmen
Ausgaben
Spenden
6 653.65
Fremdarbeiten
3 105.00
Lotse Beiträge
6 750.00
Telefon
643.00
Taxen
21.25
Versandspesen
788.45
Reisespesen
400.00
Mietanteil
1 000.00
Löhne
11 720.00
Büromaterial Anteil
251.15
ZT
16 508.65
14 823.85
Gewinn (Verlust)
1 684.80
Computer Raum & Schulung
Kursgelder
10 800.00
Beitrag Arbeitslosenrappen
15 000.00
Zins
2.55
Material
1 922.05
Administration
2 300.00
Werbung
537.00
Reinigung
144.00
Weiterbildung
200.00
Tacen
64.65
Löhne
17 550.00
Sozialversicherungen
2 500.00
ZT
25 802.55
25 217.70
Gewinn (Verlust)
584.85
Total
42 311.20
40 041.55
2 269.65

Bilanz 1999

Aktiven
PC AKB 1 644.20
PC CRS 225.05
Inventar CRS 645.80
Total 2 515.05
Passiven
Kreditoren 5 6995.30
EK per 1.1.99 - 5 449.90
Gewinn 99 2 269.65
- 3 180.25
Total 2 515.05

Vorstand AKB 1999

Claude Luther 100% Computerraum
Cathérine Merz 60% AKB
Manfred Reist (unentgeltliche MA: A-Post, Archiv, Vertretung nach aussen)
Hans-Georg Heimann
Revision: Daniel Stoller


Erwerbslosigkeit gemeinsam anpacken!

Das Arbeitslosenkomitee der Region Basel als Beispiel für ein Erwerbslosen-Selbsthilfeprojekt

Der folgende Bericht ist die Kurzfassung einer Lizenziatsarbeit über Erwerbslosigkeit und Selbsthilfe am Beispiel des Erwerbslosenzentrums `Phönix' in Basel. Der theoretische Teil fusst auf dem Gesellschaftsmodell des Philosophen Jürgen Habermas und dem gesellschaftlichen Konfliktmodell von Axel Honneth. Im praxisorientierten Teil sind zehn ausführliche Interviews mit MitarbeiterInnen und die Erfahrungen meiner zweijährigen Mitarbeit im Zentrum verarbeitet. Die Ergebnisse zeigen, dass es für Erwerbslose wichtig ist, ihre Erwerbslosigkeit im Rahmen von Projekten zu thematisieren, die ihnen ihre Fähigkeiten aufzeigen und damit neue Handlungsperspektiven eröffnen.

Erwerbsarbeit ist die zentrale Institution über die sich ein Individuum in die Gesellschaft integrieren kann. Erwerbsarbeit hat damit nicht nur eine existenzsichernde Funktion. Ueber Erwerbsarbeit wird auch die soziale Stellung und das eigene Selbstverständnis mehr oder weniger explizit definiert. Eine sichere Stelle ist der unhinterfragte Hintergrund, vor dem ein Individuum in der Gesellschaft agieren kann.
 

Rationalisierung und Erwerbslosigkeit
 

Durch Rationalisierung, Standortnachteile und stagnierende Wirtschaftslage ist eine sichere Stelle auch in der Schweiz nicht mehr selbstverständlich. Der täglich in den Zeitungen zu verfolgende massive Stellenabbau und das Studium der Stelleninserate zeigt, dass weniger Personen mit besserer Ausbildung gebraucht werden. Was aus der Logik der Wirtschaft schlüssig zu sein scheint, wirkt sich für Individuen, die im Rahmen von Umstrukturierungsprozessen ihre Stellen verlieren, verheerend aus. 
Das wirtschaftliche System kümmert sich wenig um die individuellen und gesellschaftlichen Folgen, die mit der Erwerbslosigkeit einhergehen. Diese werden dem sozialpolitischen System zur Verarbeitung delegiert. Dazu steht eine entsprechende "Entschädigungsmasse" zur Verfügung, die aber durch abfliessende Steuergelder und wachsende Problemlage laufend verringert wird.
Erwerbslosigkeit als Folge sich verändernder Arbeitmärkte manifestiert sich am Schluss immer im Verlust der Arbeitsstelle eines einzelnen Individuums. Mit dem Verlust der Erwerbsarbeit verliert dieses auch seinen unhinterfragten gesellschaftlichen Status und wird dahingehend entmündigt, dass ihm vorgeschrieben werden kann, welche Leistungen zum Bezug von Taggeldern erbracht werden müssen.
Da sich Erwerbslosigkeit so offensichtlich im Einzelschicksal manifestiert, geht darüber vergessen, dass es sich hierbei eigentlich um ein Problem des wirtschaftlichen Subsystems handelt und es die Institution der Erwerbsarbeit als Ganzes ist, die es den veränderten Bedingungen anzupassen gilt. 
Nach Habermas kann dieser Umbau aber von der Wirtschaft nur indirekt geleistet werden. Erst wenn sich auf gesellschaftlicher Ebene neue Formen der Integration etabliert haben, wird die Wirtschaft mit entsprechend veränderten Arbeitsmodellen nachziehen. Teilzeitarbeit wird erst dann vermehrt angeboten, wenn sich die partnerschaftliche Arbeitsteilung im Alltag etabliert hat. Forderung und praktische Erfahrungen müssen aus lebensweltlichen Bereichen heraus entwickelt werden.
 

Erwerbslosigkeit: Ausschluss bei gleichzeitiger Versorgung

Mit dem Verlust einer Arbeitsstelle verliert ein Individuum auch die Möglichkeit, gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Es wird damit partiell aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Wie Axel Honneth gezeigt hat, lassen sich viele soziale Kämpfe auf den Kampf um gesellschaftliche Anerkennung (Honneth) zurückführen. Auch im eben zu Ende gegangenen französischen Streik ging es nicht nur um materielle Güter, sondern auch um die Forderung, die gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten nicht einzuschränken. 
Sich gegen einen gesellschaftlichen Ausschluss zur Wehr zu setzen, gelingt aber nur denjenigen, die zuvor in die Gesellschaft integriert waren und über die Artikulationsmittel verfügen, die Art des Ausschlusses argumentativ zu formulieren und wieder einzufordern.
Dass sich im Bereich Erwerbslosigkeit so wenig Widerstand artikuliert, hängt mit den Schuldgefühlen zusammen, die den Erwerbslosen gesellschaftlich auferlegt werden, solange sie sich nicht in den Arbeitsprozess reintegriert haben. Wer erwerbslos ist und seine Taggelder beziehen kann, hat mit seinem Schicksal nicht öffentlich zu hadern. Schuldgefühle, die nicht thematisiert werden können, tendieren aber dazu, zu einem Bestandteil des eigenen Selbstbildes zu werden und sich auf die Handlungsfähigkeit auszuwirken. Morgenroth spricht von `sprachlosem Widerstand', der sich gegen die Erwerbslosen selber richtet.
Wem es nicht gelingt, sich innerhalb kurzer Frist in den Arbeitsprozess zu integrieren, muss andere Bewältigungsstrategien anwenden. Es zeigt sich, dass dabei oft auf Rückzug und Krankheit (Kirchler) zurückgegriffen wird. Krank zu sein wird gesellschaftlich eher legitimiert als arbeitslos zu sein. Für viele Erwerbslose führt dieser Weg zum Sozialamt oder zur IV.
Längerfristig ist das Problem damit aber nicht gelöst. Es wird immer mehr Personen geben, die dauerhaft aus dem Erwerbsprozess ausscheiden und durch mehr Repression höchstens vermehrt zu schlechter bezahlter und unterqualifizierter Arbeit angehalten werden können. Die Folgen einer andauernden Erwerbslosigkeit tragen aber letztlich sozialpolitische und private Institutionen, die nur graduell lindern können, was durch den Verlust der Arbeitsstelle verloren gegangen ist. Die uneingeschränkte gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeit lässt sich mit Geld und Therapie nicht ersetzen.
 

Milieuunterstützung und Netzwerkarbeit
 

Um Erwerbslosigkeit anders anzugehen und in kleinen Schritten mit neuen Arbeits- und Lebensformen zu experimentieren, braucht es neben den sozialpolitischen Institutionen auch Projekte, die dafür Raum anbieten. Wie solche Projekte und Konzepte konkret auszusehen haben, ist schwer zu beschreiben, da sie kaum gedanklich vorweggenommen werden können, sondern sich in einem systematischen Wechselspiel von Versuch und Reflexion entwickeln müssen. Der Sozialpädagoge Lothar Böhnisch hat mit dem Konzept der `Milieuunterstützung' einen Vorschlag vorgelegt, wie SozialarbeiterInnen / SozialpädagogInnen solche Selbsthilfeprojekte je nach Bedürfnis begleiten oder unterstützen könnten. Damit solche Projekte nicht regressiven Verhaltensweisen verfallen, ist es dringend notwendig, über Neztwerkarbeit eine permanente Aussenorientierung anzustreben.
 

Das Erwerbslosenzentrum `Phönix'
 

Einen möglichen Weg in diese Richtung versucht das Erwerbslosenzentrum Phönix zu gehen, das sich durch den Synergieeffekt dreier Erwerbslosenprojekte konstituiert hat.
Dass sich das Zentrum in seiner heutigen Form etablieren konnte, ist verkürzt auf zwei Ursachen zurückzuführen: mit dem Zeitungsprojekt `Stempelkissen' (jetzt `Surprise') und dem Umbau der leerstehenden Fabrik am Bläsiring 86 waren zwei Gefässe vorhanden, die es Personen ohne Erwerbsarbeit ermöglichten, neue und ganz andere Erfahrungen zu sammeln, in der Oeffentlichkeit dafür Aufmerksamkeit zu ernten und das Erlebnis der eigenen Erwerbslosigkeit in vermittelter Weise zu thematisieren. 
Die ebenfalls geführten Gesprächsgruppen, die die Erfahrung der Erwerbslosigkeit unvermittelt, d. h. in immer wiederkehrenden Gesprächen angingen, scheiterten, da sie sich nicht auf ein konkretes Ziel ausserhalb der Gruppe beziehen konnten und sich dadurch beständig im Kreise drehten.
 

"Ich konnte etwas in Tat umsetzen"
 

Zeitungsprojekt und Umbau aber boten erwerbslosen Personen die Möglichkeit, sich in einem konkreten und nicht didaktisch konstruierten Projekt zu engagieren.
In den Interviews hat sich gezeigt, dass die Projekte am positivsten bewertet werden, die die Möglichkeit bieten, sich selber als fähige, vielschichtige Persönlichkeit zu erfahren. Vor allem durch die Zeitungsarbeit war es den Beteiligten zum Teil möglich, Fähigkeiten und Interessen zu entdecken, die ihnen so vorher nicht bewusst waren. Mit aller Vorsicht kann dies als eine Horizont- und Perspektivenerweiterung gedeutet werden, die neue Wege der Reintegration eröffnete:

"Ich konnte etwas in Tat umsetzen. Ich erfuhr viel Neues... über mich selber und über andere Leute, denen ich dort begegnete. Das Projekt an sich war ganz neu, so quasi aus dem Nichts entstanden. Ich denke, da konnte ich viel erfahren, wie so etwas laufen... und was da entstehen kann. Ein anderes Mal würde ich es [aber] anders machen. Ueber die Problematik habe ich tiefer nachgedacht. Ich habe auch neben dem Komitee Veranstaltungen besucht. Die Gründe der Arbeitslosigkeit haben mich interessiert, die wirtschaftlichen Zusammenhänge. Das habe ich früher weniger bedacht. Es war wie ein Zugang zur Welt aus einem bestimmten Blickwinkel. Ich habe die Welt einfach anders kennengelernt [resp.] bin daran."
Sozialarbeiterin, 58

"Einfach aufzuzeigen, dass man etwas erreichen... und etwas aufbauen kann und dass gute Ideen auch eine Chance haben. Ja, und dass es sich auch lohnt, [bei einer] Ideen nicht immer einfach zu sagen: Ja, das scheitert am Geld oder das können wir sowieso nicht. Ja, dass es sich auch lohnt, dabei zu bleiben und weiterzudenken und manchmal auch momentan utopisch erscheinende Ideen nicht einfach aus den Augen zu verlieren, sondern [zu wissen,] dass sie sich zu einem späteren Zeitpunkt wirklich realisieren können."
Biologielaborant, 33

Das Zentrum ist eine werktags geöffnete Anlaufstelle, wo soziale Kontakte zu anderen Erwerbslosen entstehen können, es ist ein Orientierungspunkt im Chaos der eigenen Erwerbslosigkeit. Die Mitarbeit im Zentrum hat das soziale Netz der Beteiligten erweitert und besteht zum Teil auch nach der aktiven Mitarbeit im Zentrum weiter.
Das Zentrum hat nicht die Funktion, Personen effizienter eine Stelle zu vermitteln, aber dadurch, dass Erwerbslosen in einer anderen Atmosphäre agieren können, die affirmativ wirkt, können sich neue Perspektiven eröffnen.
Das Zentrum und die MitarbeiterInnen haben aber auch mit massiven Schwierigkeiten zu kämpfen. Personen, die im Zentrum mitarbeiten, stehen unter dem Druck, gute Arbeit im Zentrum leisten zu wollen und sich damit Handlungsoptionen zu eröffnen und gleichzeitig den Anforderungen des Arbeitsmarktes - vermittelt über das Arbeitsamt - zu genügen. Des weiteren tragen erwerbslose Personen ihre Erlebnisse, Aengste und Aggressionen in das Zentrum hinein, was zu einem permanenten Konfliktpotential führt. 
Das Zentrum selber muss in einem Umfeld funktionieren, der durch Finanzmangel, MitarbeiterInnenfluktuation, Unverbindlichkeit und der Schwierigkeit, ein arbeitsfähiges Selbstverständnis zu definieren, gekennzeichnet ist. 
 

Wie sieht die Zukunft des Zentrums aus?
 

Letztlich ist alles prekär. Das Zentrum kann weiterbestehen, aber auch zusammenfallen. Damit würde es dem Schicksal vieler Initiativen folgen, die während einer Krise gestartet werden, dann aber eingehen, wenn die Krise aus der medialen Oeffentlichkeit verschwindet. Initiativen, die weiterbestehen, auch wenn das öffentliche Interesse an ihnen abgeflaut ist, können dies nur, wenn sich Personen finden, die die Initiative zu ihrer Sache machen und damit Konstanz gewährleisten. 
Eine Initiative wird erst dann interessant, wenn sie diese Talsohle durchschritten hat, einen eigenen Stil konsolidieren konnte und damit Erfolg ausweist. Dann wird sie plötzlich wahrgenommen und von verschiedenster Seite um Zusammenarbeit angefragt. Im Bereich Erwerbslosigkeit, wo es z. Z. keine Patentrezepte gibt, sind Initiativen mit einem explorativen Charakter dringend notwendig.
Um dies zu leisten, muss das Zentrum auch in Zukunft in erster Linie darauf bedacht sein, seine Tätigkeiten nach aussen - an die Oeffentlichkeit - zu richten. Dadurch wird der Tendenz nach Rückzug und Innenorientierung ein Kontrapunkt entgegengesetzt.
Daniel Stoller
 

Aus "SURPRISE" Nr. 1/96.
Was hier als Konzentrat zusammengestellt wurde, kann ausführlicher in der gleichnamigen Lizenziatsarbeit nachgelesen werden, die im Erwerbslosenzentrum zur Einsicht oder Bestellung aufliegt (061/691 51 41).
Vollständige Studie: 233 Seiten, Fr. 45.-
Kurzfassung: 67 Seiten, Fr. 15.-

Literatur: 
- Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Band 1 u. 2 Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988.
- Honneth, Axel: Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994.
- Kirchler, Erich: Arbeitslosigkeit. Psychologische Skizzen über ein anhaltendes Problem. Göttingen: Hogrefe 1993.
- Morgenroth, Christine: Sprachloser Widerstand. Zur Sozialpathologie der Lebenswelt von Arbeitslosen. Frankfurt am Main: Fischer 1990.
- Böhnisch, Lothar: Gespaltene Normalität. Lebensbewältigung und Sozialpädagogik an den Grenzen der Wohlfahrtsgesellschaft. Weinheim und München: Juventa 1994.
- Selbsthilfe wirtschaftlicher Schwacher. Thomas Mächler u.a. Bern: Haupt 1994.
 


Petition des Arbeitslosenkomitees an den Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt
"Selbsthilfe schafft sinnvolle Arbeit!"
 

Angesichts der hohen Anzahl erwerbsloser und damit existentiell abhängiger 
Menschen in unserem Kanton, und
angesichts der Aussicht, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt in der nächsten Zukunft nicht wesentlich verbessert,
erachten wir es als dringliche Aufgabe der Regierung,
Selbsthilfeprojekte von Betroffenen zu fördern.
Insbesonders sei fachlich und materiell die Gründung von Produktionsgenossenschaften und -vereinen zu unterstützen; 
Projekte, die zu einem menschenwürdigen Leben mit oder ohne volle Erwerbsarbeit führen.
 

Dazu soll die Regierung folgendes Instrumentarium zur Verfügung stellen:
- Anlaufstelle mit fachlicher Beratung und Begleitung für Selbsthilfeprojekte
- finanzielle Mittel für Starthilfen von Selbsthilfeprojekten
- Vergabe von kantonalen Aufträgen an Selbsthilfeprojekte
- Vernetzung der Selbsthilfeprojekte mit bestehenden Sozialwerken auf kantonaler 
Ebene (Arbeitslosenversicherung, Invalidenversicherung, SUVA, Fürsorge).

Die Petition wurde Ende Februar 97 eingereicht.

   

e-mail heimann@viavia.ch

    
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