A-POST 
Bulletin der Arbeitslosenselbsthilfe Basel 
und der Interprofessionellen Gewerkschaft der ArbeiterInnen IGA

1/2000

Editorial
Frauen bewegen die Welt - marche mondial des femmes
Fürsorge 2000: Wie lange hält das soziale Netz?
Arbeit statt Fürsorge: Wer bezahlt?
Streichkonzert für Erwerbslose
Fussangeln im freien Personenverkehr - zur geplanten ANAG-Totalrevision
Damit der Film nicht reisst...durch gemeinsames Handeln Arbeitsbedingungen verbessern
Fünfundfünfzig - und einen Lohn zum Davonlaufen
Wo ist das nächste Hamam?
Nachrichten: Besuch beim Secco, VETO im Euromarches, Adieu Jean-Jaques


EDITORIAL

Die Krise schwelt weiter

Der 1. Mai als traditionelles Fest der ArbeiterInnen findet in diesem Jahr unter dem Zeichen eines konjunkturellen Aufschwungs statt. Die Krise, so werden wir von allen Seiten belehrt, ist so gut wie vorbei. Erwerbslosigkeit ist deshalb erst recht kein gesellschaftliches oder politisches Problem mehr, sondern das Problem der Erwerbslosen selbst. Kein Wunder, setzt die Landesregierung mit ihren Absichten zur Revision des Arbeitslosenversicherungs-Gesetzes (AVIG) auf neue Sparübungen. Der Druck auf die Erwerbslosen, jede beliebige Arbeit zu jeder beliebigen Bedingung anzunehmen, soll weiter erhöht werden.Gleichzeitig explodieren jedoch die Fürsorge-Kosten: Die Krise ist nicht vorbei, ihre Kosten werden einfach nach unten verlagert.
Zeitgleich werden neue Schritte zur Entrechtung von MigrantInnen unternommen. Die geplante Revision des Gesetzes über Aufenthalt und Niederlassung von AusländerInnen (ANAG) spricht eine deutliche Sprache: BürgerInnen nicht-europäischer Herkunft und ihre FreundInnen in der Schweiz werden mit neuen repressiven Massnahmen bedroht: Bundesrätin Ruth Metzler ist offensichtlich gewillt, die finstere Tradition fortzusetzen, die ihr Vorgänger Arnold Koller einübte: Mit humanitären Phrasen eine menschenunwürdige Politik im Sinne der immer selbstbewusster auftretenden Rechtspopulisten durchzusetzen.
Von den wenigen Lichtblicken der Gegenwart gibt der 'Weltmarsch der Frauen 2000' Zeugnis: Solidarität ist möglich. Wir müssen aber etwas dafür tun.
Die Redaktion

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Frauen bewegen die Welt

Am 8. März fand in Genf der europäische Auftakt zum Marche mondiale des femmes 2000 statt.

Neun Jahre nach dem Frauenstreik sind die Frauen in der Schweiz erneut in Bewegung. Von Genf bis zum Bodensee, vom Tessin bis nach Basel werden sich Tausende von Frauen zwischem dem 8. März und dem 17. Oktober in Bewegung setzen, um Armut von Frauen und Gewalt gegen Frauen zu einem öffentlichen Thema zu machen. Die Aktionen sind Teil einer weltweiten Frauenbewegung, des Marche mondiale des femmes 2000 der gleichzeitig in 149 Ländern stattfindet. In der Region Basel haben sich bereits über 20 Organisationen zu einem Regionalkomitee zusammengeschlossen, das die Aktionen in der Region und vorallem den grossen Basler-Tag vom 13. Oktober koordiniert. Der Frauenmarsch soll aber nicht nur die organisierten Frauen ansprechen: alle Frauen, die etwas ändern wollen, finden beim Weltfrauenmarsch eine Plattform für ihre Anliegen.

Kontaktadresse: Marche mondiale des femmes 2000 Region Basel, Postfach 145, 4005 Basel, Tel. 690 98 20, e-mail frauenmarschbasel @bluemail.ch. Internet: www.marche-mondiale.ch(Schweiz) und www. ffq.qc.ca/marche2000 (international).

Kalender
Dienstag, 18. April: nächste Sitzung des regionalen Komitees (Anmeldung siehe oben)
Donnerstag, 20. April: Jour fixe der SoAL/Solidarität: Männersozialisierung oder warum Männer Männer bleiben. 20 Uhr Infoladen Sowieso, Lindenberg 23.
Mittwoch, 3. Mai: Der MUBA-Tag der Frau steht dieses Jahr im Schatten der Armee-Show! Protestaktionen sind geplant: Frauen für den Frieden (Totentanz) u.a.
Freitag, 5. Mai: Globalisierte Frauen, Vortrag und Diskussion mit Tatau Godinho aus Brasilien. 20 Uhr, Pro Senectute-Raum Kasernenareal, organisiert durch attac Basel.
Samstag, 6. Mai : Evtl. Seminar zum Thema Globalisierte Frauen (siehe oben), organisiert durch SoAL/Solidarität, Kontakt: 361 79 22.
Mittwoch, 14. Juni: Neun Jahre Frauenstreiktag! Verschiedene Stände und Aktionen geplant. Kontakt: Claudia Studer IGA, 683 93 54
Samstag, 16. SeptemberTagung "Frauen weltweit stellen sich Konflikten" organisiert durch Forum für Zeitfragen, Kontakt: Tel. 264 92 14
Freitag, 13. Oktobergrosser Basler Aktionstag, Schlusstag der Schweizer Aktivitäten, mit Marsch durch die Stadt und Veranstaltungen auf dem Barfüsserplatz. Um Mitternacht Abfahrt zum europäischen Schlusstag in Brüssel/Bruxelles.

Aargau
März bis Oktober: Das Komitee des Kantons Aargau beginnt am äussersten Zipfel des Kantons mit einem Frauenmarsch in vielen Etappen Richtung Basel. Ankunft in Basel: 13. Oktober.

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Fürsorge 2000: Wie lange hält das soziale Netz?

Die Fürsorgebehörden in der Schweiz sind überlastet, die Kosten explodieren. Der erklärte Grundsatz, 'Arbeit statt Fürsorge' zu geben, erweist sich nur zu häufig als Illusion.

Im vergangenen Jahr 1999 waren im Basler Fürsorgeamt (FA) 6931 Fälle registriert. Die berüchtigte Altersarmut hat - zumindest im Blickfeld der offiziellen Registrierung - nahezu auf Null abgenommen. Dafür sind vor allem Jugendliche unter 17 Jahren vermehrt auf die Fürsorge angewiesen, und auch die mittlere Generation im besten Alter der 35- bis 50jährigen ist von der mehr oder weniger 'neuen' Armut betroffen.
Der neue Leiter des Basler Fürsorgeamtes, Rolf Maegeli, hat wenig Spielraum. Das letztlich vom Kanton übernommene Defizit der Fürsorgekasse betrug 1999 rund 115 Millionen Franken. Zugleich sind die MitarbeiterInnen des FA zunehmend überlastet, muss doch jede/r einzelne von ihnen bis zu 100 Fälle betreuen. Oder vielmehr: verwalten. Denn unter solchen Bedingungen bleibt für echte psychosoziale Betreuung und arbeitsmarktliche Beratung ganz einfach keine Zeit. Mit vielen neuen Fremdwörtern wie 'Case-Management' oder 'Intake-Konzept' allein werden die Schwierigkeiten jener, die als Ausgesteuerte bei der Fürsorge gelandet sind, wohl kaum behoben: Der Arbeitsmarkt zeigt sich trotz des konjunkturellen Aufschwungs sehr resistent gegen die Aufnahme von bisherigen Fürsorge-Abhängigen.
Das hat sich im Bewusstsein der Fürsorge in der Stadt Zürich mittlerweile festgesetzt. Departementschefin Monika Stocker erklärte im Januar 2000 an einer Medienorientierung: 'Fürsorgeabhängige profitieren leider kaum vom Boom auf dem Arbeitsmarkt.'.In Zürich sind zur Zeit 11 280 Fälle registriert.
Frau Stocker will nun mit einem neuen Anreizsystem den städtischen Armutsberg abbauen: Sozialhilfe und Ergänzender Arbeitsmarkt (EAM) sollen enger miteinander verknüpft, die EAM selbst vermehrt auf Weiterbildung und Qualifizierung ausgerichtet werden. Das Lohnmodell soll durch ein 'Anreizmodell' ersetzt werden: Bisher erhielten Sozialhilfeempfänger-Innen die im Ergänzenden Arbeitsmarkt beschäftigt waren, einen nach Alter, Art und Dauer der Arbeit abgestuften Lohn - im Durchschnitt 17 Franken die Stunde. Jetzt gibt es die Fürsorgeleistungen und zusätzlich einen 'Bonus' von maximal 250 Franken monatlich. Den erhält nur, wer an enem Beschäftigungs- oder Weiterbildungsprogramm teilnimmt. Wer sich weigert, erhält nicht nur keinen Bonus, sondern gleich 250 Franken weniger im Monat. 'Der Wechsel soll Sozialhilfeempfängern klarmachen, dass Beschäftigungsprogramme keine wirklichen Arbeitsplätze sind', erklärte EAM-Chef Urs Leibundgut gegenüber der Presse.

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Arbeit statt Fürsorge: Wer bezahlt?

'Workfare' - 'Arbeit statt Fürsorge' - soll die Armut beseitigen. Der US-Ökonom Robert M. Solow, Nobelpreisträger von 1987, analysiert die Entwicklung in den USA seit der Neuausrichtung der Sozialpolitik im Sommer 1997. Dabei wird deutlich: Die Zeche für die Sozialreform bezahlen diejenigen, die auf dem Arbeitsmarkt ohnehin benachteiligt sind: die schlecht bezahlten, arbeitenden Armen.

VON ROBERT M. SOLOW

Es ist eine Sache zu behaupten, wie die Politiker der beiden Parteien es gerade tun, dass die Ersetzung der Sozialhilfe (welfare) durch Arbeit eine gute Sache für die EmpfängerInnen, die SteuerzahlerInnen und allgemein für den Ruf der öffentlichen Armenfürsorge sei. Es ist eine ziemlich andere Frage, ob dieser Übergang tatsächlich vollzogen werden kann, und was es bräuchte, um ihn zu vollziehen. Insbesondere ist man befugt zu fragen: Welche Jobs werden frühere Sozialhilfe-EmpfängerInnen finden und wie werden sie sie finden?
Diese elementare Unterscheidung zwischen Wünschbarkeit und Machbarkeit wird in der politischen Debatte oft vernachlässigt. Während der rhetorischen Manöver, die im Sommer 1997 zum Gesetz über die Reform der Sozialhilfe führten, schien sich alle Welt der Aufgabe zu widmen, 'dem Sozialstaat wie wir ihn kennen' ein Ende zu bereiten. Doch niemand war bereit zu beschreiben, wie das neue System tatsächlich funktionieren würde. Die Gesetzgebung überliess die wichtigsten Entscheidungen den Bundesstaaten, die den Ball ihrerseits den grossen Städten zuspielen dürften, wo der Grossteil des Problems liegt, und diese könnten den Ball dem Bischof von Caesarea weiterspielen...

Maschinerie der Anpassung
Jede wirkungsvolle Umwandlung von Sozialhilfe in Arbeit muss, wenn sie überhaupt etwas bedeuten soll, heissen, dass eine nennenswerte Zahl von unqualifizierten Leuten nach Arbeit Ausschau hält, die das vorher nicht tat. Einige von ihnen werden Arbeit finden, einfach weil sie zur rechten Zeit am rechten Ort sind. Sie hätten das schon früher tun können, wenn sie es versucht hätten. Diese Jobs werden eine Netto-Zunahme der Gesamtbeschäftigung darstellen. Man hat manchmal das Gefühl, dass es das ist, was sich einige Kongressmitglieder vorstellten - und das einzige. Wenn es so ist, dann können sie nicht recht haben. Es gibt absolut keinen Grund zu glauben, dass unsere Wirtschaft eine nennenswerte Zahl von Arbeitsplätzen für unqualifizierte ArbeiterInnen bereithält. Die Maschinerie der Anpassung muss etwas komplizierter sein.
Der kürzeste Weg, auf dem Ex-Sozialhilfe-EmpfängerInnen Arbeit finden können, besteht darin, dass sie mit anderen unqualifizierten ArbeiterInnen, die bereits arbeiten, konkurrieren und sie ersetzen - entweder weil sie irgendwie passendere Angestellte sind oder, wahrscheinlicher, weil sie anbieten, für weniger Geld zu arbeiten als der Stelleninhaber. Unqualifizierte ArbeiterInnen sind vermutlich ein ausgezeichneter Ersatz für einander, sodass es nur kleine Lohnkürzungen bräuchte. Aber reiner Ersatz ist wie die 'Reise nach Jerusalem': mehr Mitspieler-Innen und gleich viele Stühle.
Viel wichtiger ist die Möglichkeit, dass der Wettbewerb um Arbeitsplätze durch ehemalige Sozialhilfe-EmpfängerInnen und ihre Nachfolger die Löhne für unqualifizierte ArbeiterInnen weit genug herunterdrückt, um einige Arbeitgeber zu ermuntern, sie anzustellen, um etwas besser qualifizierte Stelleninhaber zu ersetzen, die den Job zwar besser machen aber auch besser bezahlt werden müssen. Weil ArbeiterInnen am unteren Ende der Lohnskala ein weniger als perfekter Ersatz für ArbeiterInnen auf der zweiten Stufe sind, muss der Rückgang der Löhne für Unqualifizierte spürbar sein, um die Auswechslung für Arbeitgeber profitabel zu machen.
Es gibt auch hier eine Verlagerung, aber das Verhältnis ist etwas besser als eins-zu-eins, weil unqualifizierte ArbeiterInnen per Definition weniger produktiv sind als Arbeitskräfte auf der zweiten Stufe. Auch hat eine Lohnsenkung auf der untersten oder zweituntersten Stufe eine bessere Chance, die Zahl der in diesem Segment des Arbeitsmarktes verfügbaren Beschäf-tigungsmöglichkeiten zu erhöhen. Es gäbe also einen kleinen Zuwachs in der Gesamt-Beschäftigung, doch er kommt auf Kosten der Gehälter und Job-Aussichten vorher beschäftigter Arbeiter-Innen auf der zweiten Stufe zustande.

Verstärkte Erosion der Löhne
Im Prinzip bleibt der Vorgang hier nicht stehen. Die Erosion der Löhne leicht qualifizierter ArbeiterInnen auf der zweiten Stufe macht sie gegenüber leicht höher qualifizierten Arbeiter-Innen auf der dritten Stufe wettbewerbsfähiger. Die Tatsache, dass einige ArbeiterInnen der zweiten Stufe in die Arbeitslosigkeit ausgelagert worden sind, könnte zu einer weiteren Abwärtsbewegung bei den Löhnen auf der dritten Stufe führen, sobald sich der Wettbewerb um Arbeitsplätze verschärft. Die Kosten der Anpassung an den Zufluss von früheren Sozialhilfe-EmpfängerInnen wälzen sich also auf die arbeitenden Armen, die knapp-nicht-mehr-armen Arbeitenden usw. - in der Form von tieferen Löhnen und erhöhter Arbeitsplatz-Unsicherheit.
Es gibt natürlich eine lange, verzweigte Hierarchie von Fähigkeiten in der modernen Wirtschaft. Jede Stufe steht unter dem Wettbewerb mit denen gerade darüber und denen darunter, vor allem mit denen darunter. Doch man würde natürlicherweise erwarten, dass der Grad der Verlagerung sich abschwächt, je weiter man sich von den relativ unqualifizierten früheren Sozialhilfe-EmpfängerInnen entfernt, deren Erscheinen auf dem Arbeitsmarkt die Quelle der Störung ist. Sobald sie an der Spitze der Nahrungskette - etwa der philosophischen Fakultät an der Universität Princeton - ankommen, wird niemand irgendein Leid empfinden, und tatsächlich könnten die gesetzten Mitglieder ihre Gartenarbeit billiger gemacht bekommen. Die Anpassungskosten werden sich am unteren Ende der Job-Hierarchie und am unteren Ende der Einkommenspyramide konzentrieren.

Zwei Arten der Erwerbslosigkeit
Dieses ganze Aufmischen des Arbeitsmarktes muss volkswirtschaftliche Begleiterscheinungen haben. Die wichtige Frage ist, ob irgendeine davon das Versprechen in sich birgt, dass der Übergang in eine Welt erleichtert wird, in der Arbeit die Sozialhilfe ersetzt. Stellen wir uns vor, der Prozess der Ersetzungen und Lohnsenkungen hätte sich vollständig vollzogen. Das Resultat sind wirtschaftsweit tiefere Reallöhne. Können wir nun erwarten, dass dieses einstweilige Ergebnis genug neue Jobs hervorbringt, um den Zuwachs an Arbeitskräften durch das Ende des Sozialstaates wie wir ihn kennen unterzubringen? Oder wird es einfach mehr Arbeitslosigkeit geben?

Die arbeitenden Armen bezahlen
Es ist die Frage, ob tiefere Löhne - im Durchschnitt - mehr oder weniger automatisch neue Jobs liefern, die von früheren Sozialhilfe-EmpfängerInnen besetzt werden können. Das verwandelt sich in die Frage nach der Empfindlichkeit, mit der die Gesamtnachfrage nach Arbeit auf die Reallöhne reagiert. Ich denke, es ist ziemlich fair zu sagen, dass die gemessene Reaktion enttäuschend klein ist. Auf jeden Fall bedeutet dies, dass es eine Senkung der durchschnittlichen Reallöhne um drei bis fünf Prozent bräuchte, um netto genug neue Jobs für zwei Drittel der erwachsenen Sozialhilfe-EmpfängerInnen zu schaffen.
Ich hoffe klargemacht zu haben, dass der Wettbewerb um die durch die Sozialreform freigesetzten Jobs sich am unteren Ende der Job-Hierarchie konzentrieren. Es ist sicher, dass eine wahrnehmbar grössere Lohnsenkung un- oder teilqualifizierter Arbeitskräfte stattfinden müsste, wenn das untere Ende des Arbeitsmarktes zusätzliche 1,75 Millionen relativ unqualifizierte Arbeitskräfte aufnehmen soll. Ich möchte nicht mehr sagen. Aber es dürfte wahrscheinlich sein, dass die Löhne für unqualifizierte Arbeiten bedeutend mehr als fünf Prozent fallen müssten, um für diese 1,75 Millionen ArbeiterInnen Jobs verfügbar zu machen. Wenn die Regeln von Billigkeit und Anstand oder die Existenz festgelegter Mindestlöhne die erforderliche Lohnreduktion bei unqualifizierten Arbeiten verhindern sollten, wäre die Konsequenz höhere Arbeitslosigkeit. So oder so werden die arbeitenden Armen bezahlen.
Von Grössenordnungen abgesehen, führt die Argumentation zum Schluss, dass die Last der Anpassung an jede echte Ersetzung der Sozialhilfe durch Arbeit in erster Linie auf Billiglohn-ArbeiterInnen fällt, besonders jene tugendhaften, die seit jeher eine Stelle hatten. Die Last wird die Form von tieferen Löhnen und höherer Erwerbslosigkeit annehmen, in einem Ausmass, das im voraus schwer abzuschätzen ist. Es wäre zu drastisch, sich vorzustellen, dass der Prozess zum Anwachsen einer Not leidenden Klasse von ArbeiterInnen mit sehr tiefen Löhnen - und durch das Wirken des Altruismus zu einer Wiederherstellung des Sozialstaates wie wir ihn kannten - führen könnte. Aber ich hoffe, dass es überhaupt nicht drastisch ist zu bezweifeln, dass viele vernünftige Leute, welche die Sozialstaatsreform be-grüssen, im Sinn hatten, den fleissig arbeitenden Armen eine nicht unbedeutende zusätzliche Verarmung aufzuerlegen.
Ohne zusätzliche Massnahmen bedeutet die Umwandlung von Sozialhilfe in Arbeit wahrscheinlich die Umwandlung der Sozialhilfe in Erwerbslosigkeit, mit einem Gelegenheitserwerb, der so tief ist, wie man ihn für MitbürgerInnen früher für unzumutbar hielt.

Antworten sind nicht billig
Die angemessene Schlussfolgerung aus dieser Analyse ist nicht, dass die Ersetzung der Sozialhilfe durch Arbeit, so wünschenswert sie sein mag, in der Praxis undurchführbar ist. Das könnte so sein, wenn die einzige Alternative zum 'Sozialstaat wie wir ihn kennen' darin bestünde, ihn einfach aufzugeben. Sachlicher wäre, denke ich, die Schlussfolgerung, dass ein anständiger Übergang von der Sozialhilfe zur Arbeit ein komplizierteres und teureres Bündel von Massnahmen verlangt. Besonders zwei Schlussfolgerungen scheinen mir aus meiner Argumentation zu folgen:
Die erste besteht darin, dass eine angemessene Zahl von Jobs für Sozialhilfe-EmpfängerInnen geschaffen werden müssen, entweder durch eine Art von Anstellung im öffentlichen Dienst oder durch besondere substantielle Anreize im privaten Sektor. Appelle an Unternehmen, Sozialhilfe-EmpfängerInnen einzustellen, sind eine Art der Abdankung der Verantwortung, und auch Subventionen für Unternehmen könnten Verwaltungsprobleme verursachen. Es wird eine entschlossene und kostspielige Anstrengung geben müssen, um die Nachfrage nach ungeschulten und unqualifizierten Arbeitskräften zu erhöhen.
Die Hauptsache ist das Bedürfnis nach einer zweckmässigen Schaffung von Jobs, in der Zahl, an den Orten und in Formen, die für die Leute passen, die sie besetzen sollen, und die jene Art von Erfahrung verschaffen, die auf dem freien Arbeitsmarkt einen Geldwert haben könnte.
Jedes Programm, das den Zweck erreicht, wird kostspielig - in Haushalts-Dollars wie in der Notwendigkeit, Institutionen einer Art, mit der wir wenig Erfahrung haben, zu erfinden und mit Personal auszustatten. Die Aufgabe ist noch schwieriger als es klingt, weil es bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen. In den letzten Jahren gab es eine gewaltige Verschiebung weg von der Nachfrage nach unqualifizierter Arbeit. Der Ursprung scheint hauptsächlich technologisch gewesen zu sein, aber der Ursprung ist weniger wichtig als die Tatsache als solche, und die Tatsache legt nahe, dass der Arbeitsmarkt nicht von selbst einen Zustrom ungelernter Arbeitskräfte willkommen heisst.

Huckepack: Sozialhilfe plus Lohn
Die zweite Schlussfolgerung, die ich ziehen möchte, geht auf den Begriff des 'Huckepack' zurück, d.h. die Anerkennung der Tatsache, dass viele Sozialhilfe-EmpfängerInnen Erwerb und öffentliche Unterstützung kombinieren müssen, wenn sie ein erträgliches Leben führen wollen. Angenommen, wir schaffen den Übergang von der Sozialhilfe zur Arbeit. Die Beweislage besagt unentrinnbar, dass die Jobs, die frühere Sozialhilfe-EmpfängerInnen bekommen können, sehr schlecht bezahlt werden und sehr unregelmässig sind.
Ich denke, es ist legitim, wenn die SteuerzahlerInnen wollen, dass die Sozialhilfe-EmpfängerInnen arbeiten; aber es ist nicht ebenso legitim, wenn sie wollen, dass diese auf dem miserablen Niveau leben sollen, das ihnen ihre Erwerbsfähigkeit erlaubt - am allerwenigsten, wenn Kinder mitbetroffen sind. Die Folge ist, dass das 'Huckepack'-System fortgesetzt und dafür Vorsorge getroffen werden muss. Das bedeutet übrigens, dass begrenzte Bezugszeiten mit der Ersetzung von Sozialhilfe durch Arbeit nicht vereinbar sind.
Eine ganze Menge von Sozialhilfe-EmpfängerInnen bewegen sich heute zwischen Arbeit und Sozialhilfe oder tun beides zur gleichen Zeit. Dieses Muster wird als normal anerkannt werden müssen - sogar als eine ganz gute Sache, unter den gegebenen Umständen . Es sollte regularisiert und institutionalisiert werden, um sicherzustellen, dass die Anreize in die richtige Richtung weisen und dass der Gerechtigkeit Genüge getan werde.

Übersetzung und Redaktion:
Manfred Reist

Der Originaltext von Robert M. Solow: Guess Who Pays for Workfare? ist im Internet unter www.jobsletter.org.nz/art/artsolow.htm zu finden.

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Streichkonzert für Erwerbslose

Bei der bevorstehenden Revision des Arbeitslosenversicherungs-Gesetzes (AVIG) soll weiter gespart werden. Insbesondere die Bezugsdauer von Taggeldern soll von 520 auf 400 Tage gekürzt werden. Doch damit ist der Sparwut des Bundesrates noch nicht Genüge getan...

Im Wahlkampf des Herbstes 1999 war die Erwerbslosigkeit kein Thema. Seit Anfang des Jahres ist nun die Katze aus dem Sack: Wirtschaftsminister Pascal Couchepin will bei der Arbeitslosenversicherung (ALV) einen harten Sparkurs fahren. Weil im Herbst 1997 eine Kürzung der Taggelder vom Stimmvolk abgelehnt wurde, zielt Couchepin nun auf die Bezugsdauer: Statt wie bisher 520 Tage, sollen Erwerbslose ab 2003 nur noch 400 Tage Taggelder beziehen können. In konjunkturell guten Zeiten, so die vom Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) vertretene Ansicht, lasse sich im Normalfall vor Ablauf der 400 Stempeltage eine neue Stelle finden. Und solch 'gute Zeiten', glaubt das seco, werden im Jahr 2003 Wirklichkeit werden.
Schuld am verschärften Sparkurs sind die Beschlüsse des 'Runden Tisches' und parlamentarische Vorstösse von bürgerlicher Seite. Da die Erhöhung der Versicherungsbeiträge von 2 auf 3 Prozent befristet ist, werden der ALV ab 2003 jährlich zwei Milliarden Franken in der Kasse fehlen. Bis zu diesem Zeitpunkt soll die ALV ihre Schulden in der Höhe von mehreren Millliarden mit Hife des 3. Lohnprozents abbauen. Damit es jedoch zu keiner Neuverschuldung kommt - die nächste Krise kommt bestimmt! - muss nach der herrschenden Logik eben gespart werden. Ausnahmen werden einzig für ältere ArbeitnehmerInnen und Menschen in Regionen mit überdurchschnittlich hoher Arbeitslosigkeit.
Der Bundesrat vetritt damit unverdünnt die Position der Arbeitsgeber. Diese würden die Bezugsdauer für Taggelder zwar gerne noch weiter senken - auf 250 Tage. Und sie machen auch nicht vor den Taggeldern halt, wie Arbeitgeber-Sekretär Hans Rudolf Schuppisser erklärt: 'Kein anderes Land zahlt so viel Arbeitslosengeld bei so kurzer Beitragsdauer.'
Doch nicht nur die Bezugsdauer der Taggelder steht zur Diskussion. So könnte die Beitragszeit verstärkt die Höhe des Taggeldes beeinflussen. Für Frauen, Jugendliche und (Ex-)StudentInnen könnten wieder einmal besonders nachteilige Regelungen durchgesetzt werden. Auch die Finanzierung von Beschäftigungsprogrammen ('arbeitsmarktlichen Massnahmen') ist vermehrt in Frage gestellt. Aus inoffiziellen Hinweisen lässt sich ablesen, dass die Erwerbslosigkeit vermehrt individualisiert werden: Das Problem der Erwerbslosigkeit kann nicht an einer verfehlten Wirtschafts- und Arbeitszeitpolitik liegen, weil es nicht daran liegen darf.
'Steigt die Arbeitslosigkeit nach der Reduktion von drei auf zwei Lohnprozente, sind einschneidende Massnahmen und Leistungskürzungen allerdings unumgänglic', wird den Betroffenen in der Zeitschrift 'Arbeit & Markt' deutlich gemacht.
Eine andere Sicht der Dinge vertreten neben den Gewerkschaften auch die Schweizer Arbeitslosenkomitees. Sie weisen darauf hin, dass durch die Verschlechterung der Finanzierung bei der ALV die Lasten vermehrt auf die Kantone abgewälzt würden. Diese seien aber vor allem finanziell schlecht auf eine solche Situation vorbereitet: Die Kosten der Krise würden auf die von der Krise selbst am stärksten Betroffenen abgewälzt. Kaspi Nimrod vom Arbeitslosenkomitee La Chaux-de-Fonds fordert deshalb, die Mittel aus den ALV-Beiträgen nicht zu kürzen, sondern sinnvoll einzusetzen - für ältere Erwerbslose, Ausgesteuerte und schlecht qualifizierte Erwerbslose: 'Statt eines Abbaus soll das Geld für diese Leute verwendet werden.'
Im Notfall müssen sich die Betroffenen wie 1997 selber wehren - indem sie das Referendum gegen die von Bern zu erwartenden Sparbeschlüsse ergreifen.
Manfred Reist

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Fussangeln im freien Personenverkehr

Am 21. Mai wird sich in der Abstimmung über die Bilateralen Verträge zeigen, wohin die Schweiz sich bewegen will: Rückzug in ein Ballenberg-Museum oder einen vorsichtigen Schritt hin zu unseren Nachbarn tun. Was passiert jedoch mit den Nicht-EU-Bürgerinnen und -Bürgern, die in Europa (inkl. Schweiz) wohnen und arbeiten?

Was unsere 'GastarbeiterInnen' sich seit Jahrzehnten wünschen, wird bei einem Ja zu den Bilateralen Verträgen am 21. Mai 2000 spätestens im Jahre 2006 mit der Einführung der vollen Personenfreizügigkeit Wirklichkeit. Damit werden schrittweise und gegenseitig die Einschränkungen bei der Wahl des Wohn- und Arbeitsortes aufgehoben. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Schweiz bis dahin nicht die eingebaute Bremse gegen die 'Überfremdung' wieder angezogen hat und erneut Kontingente für EU-BürgerInnen definiert oder sogar ganz aus dem Vertrag ausgestiegen ist.
Bei einer Annahme der bilateralen Verträge wird das bisher gültige Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der AusländerInnen (ANAG) seine Gültigkeit nur noch für Nicht-EU-BürgerInnen haben. Dieses Gesetz soll einer Totalrevision unterzogen werden und nächstes Jahr bei der Abstimmung über die rechtsbürgerliche Initiative zur Begrenzung der ausländischen Wohnbevölkerung auf 18 Prozent als indirekter Gegenvorschlag dienen. Die Abschotter malen vor allem das Schreckgespenst des freien Personenverkehrs an die Wand.
Eine Expertenkommission hat mittlerweile eine Totalrevision des ANAG ausgearbeitet, welche nach der Abstimmung über die Bilateralen Verträge zur Vernehmlassung kommen soll. Dieser Entwurf ist deshalb geprägt von der restriktiven Handhabung bei der Erteilung von Bewilligungen sowie von verschärften Strafmassnahmen. Der Spielraum für die Bedürfnisse der Wirtschaft nach ausländischen Arbeitskräften blieb dabei tunlichst unberührt.
Die Saisonnierbewilligung soll durch ein Kurzaufenthalterstatut von maximal 2 Jahren ersetzt werden. Die Familienzugehörigkeit müsste mittels gentechnischen Analysen der Familienmitglieder bewiesen werden, um die Erlaubnis für den Familiennachzug zu erhalten. Scheinehen könnten mit Gefängnis bestraft werden, und das Personal von Verkehrsmitteln in Grenzregionen (z.B. TaxifahrerInnen) könnte zu Hilfspolizeidiensten verpflichtet werden. UnterstützerInnen von nicht ordnungsgemäss Eingereisten könnten ebenfalls zu Gefängnisstrafen verurteilt werden. Die Liste der neuerlichen Einschränkungen der Rechte von Nicht-europäischen MigrantInnen liesse sich beliebig verlängern. Freier Personenverkehr für die einen - härtere Regeln für die anderen!
Unter dem Druck von rechts wird allem Anschein nach die Chance verpasst, ein integrales Einwanderungsgesetz zu verabschieden, das die Schweiz als das wahrnimmt was sie ist: ein Einwanderungsland wie alle anderen europäischen Länder auch. Die Schweiz ist abhängig von einer kontinuierlichen Einwanderung und sollte diese vernünftig regeln.
Dabei sollte die möglichst rasche Gleichstellung und Integration im Vordergrund stehen, um die auftretenden Spannungen aus der Begegnung mit dem Fremdsein abzubauen. Statt den erklärten wirtschaftlichen Bedarf über zahllose verschiedene Kategorien von AusländerInnen zu decken, sollte eine Klarheit schaffende Vereinheitlichung angestrebt werden. Nur auf diesem Weg kann das Zusammenleben von weniger Unsicherheiten und Unklarheiten aufgrund des Status quo erlebt werden.
Die Interprofessionelle Gewerkschaft der ArbeiterInnen (IGA) widmet sich dem Thema ANAG als Schwerpunkt. Die Verschlechterung der rechtlichen Lebensgrundlage der ImmigrantInnen zusammen mit den verschärften Arbeitsbedingungen durch das revidierte Arbeitsgesetz gibt einen brisanten Cocktail an Desintegration ab. Um diesen zu entschärfen, muss die ANAG-Revision schon jetzt in die richtige Richtung gelenkt werden!
Nihal Karamanoglu
Hans-Georg Heimann

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Damit der Film nicht reisst...

Ein Kino ist ein Dienstleistungsbetrieb, in dem sich die MitarbeiterInnen nur selten zu Gesicht bekommen. Die Arbeitszeiten sind unregelmässig, und die MitarbeiterInnen einer Schicht arbeiten an verschiedenen Arbeitsplätzen. Die MitarbeiterInnen der Studiokino AG haben dennoch einen Weg gefunden, sich gemeinsam für ihre Interessen einzusetzen.

VON CLAUDIA STUDER

Im Frühjahr 1997 sorgte ein Brief der Geschäftsleitung für Verunsicherung und Ärger unter den MitarbeiterInnen der Studiokino AG. Das wirtschaftliche Umfeld des Betriebes sei schwierig, hiess es, der volle Einsatz aller sei gefordert, wenn der Betrieb überleben wolle - und, so liess sich zwischen den Zeilen lesen, die nötige gemeinsame Anstrengung werde nicht von allen geleistet. Als unangenehme Konsequenz der erforderlichen härteren Gangart, teilte die Geschäftsleitung jedenfalls mit, dass sie sich von einer langjährigen Mitarbeiterin trennen müsse. 'Wir empfanden den Brief als Warnschuss und Drohung', erinnern sich Charlotte und Alice, die damals beide relativ frisch bei der Studiokino AG angestellt waren, 'Wir fürchteten, dass es jede von uns treffen könnte - und wir waren ratlos'.

Ein IGA-Mitglied weiss Rat
Nicht alle waren ratlos. Marco, Mitarbeiter der Putzequipe und IGA-Mitglied, brachte die Idee einer MitarbeiterInnenversammlung mit gewerkschaftlicher Unterstützung auf. VertreterInnen aller Betriebe und aller Sparten folgten Marcos Aufforderung und diskutierten mit Hans-Georg Heimann von der IGA ihre Anliegen. Die Versammlung beschloss eine Stellungnahme der MitarbeiterInnen zuhanden der Geschäftsleitung. In diesem Brief forderten sie eine Aussprache und informierten über den Kontakt mit der Gewerkschaft. 'Wahrscheinlich war das Büro über diesen Brief ziemlich geschockt', mutmasst eine Mitarbeiterin. 'Die Geschäftsleitung lebte im Be-wusstsein, ein absolut sozialer Arbeitgeber zu sein'. Die erste Versammlung war auch für etliche MitarbeiterInnen ein Schock: Zum erstenmal wurde über den Lohn und die Verträge gesprochen. Und die Unterschiede, die zu Tage kamen, liessen sich längst nicht alle mit Qualifikation oder Dienstalter erklären.

Die Geschäftsleitung lenkt ein
Die Aussprache fand in Form einer Vollversammlung statt: die Geschäftsleitung, der Verwaltungsratspräsident und eine vollzählige Belegschaft beschäftigen sich mit den Forderungen nach Lohntransparenz, klaren Anstellungsbedingungen und einer MitarbeiterInnen-Vertretung. Die Geschäftsleitung sagte grundsätzlich Ja zu einem Rahmenarbeitsvertrag, aber eigentlich hätten sie die IGA wohl lieber nicht in den Verhandlungen dabei gehabt. Alice und Charlotte sind sich aber heute noch sicher, dass es richtig und nötig war, mit der IGA zusammen weiterzuarbeiten. Denn was nützt es, wenn alle sozial und lieb sein wollen, aber die nötige arbeitsrechtliche Erfahrung fehlt? 'Wir sind recht viele Konzessionen eingegangen', meinen die beiden im Rückblick.
Ein halbes Jahr wurden Arbeitsbedingungen verhandelt und die Pflichtenhefte festgelegt. Vor allem um die Punkte Mutterschaftsversicherung (MSV), Dienstalterzulagen und Betriebskommission wurde heiss gerungen. Schliesslich kam es zu keiner MSV, einem Kompromiss in der Frage der Dienstalterzulagen und zu einer Betriebskommission mit bezahlten Sitzungen aber ohne Mitbestimmung - und ohne IGA. Das Verhandlungsresultat war ein Rahmenarbeitsvertrag in Minimalfassung. Aber trotz der vielen Konzessionen erwies sich dieser Vertrag inzwischen als solide Basis: Alle Korrekturen, die es seither gab, fielen zu Gunsten der MitarbeiterInnen aus.
Neben arbeitsrechtlichem Wissen haben die Mitarbeiterinnen in jenen sechs Monaten auch viel über Psychologie gelernt. Als endlich alle Differenzen bereinigt schienen, legten sie der Geschäftsleitung einen von der IGA ausgearbeiteten Vertrag vor. Dieser wurde nicht akzeptiert, stattdessen legte die Geschäftsleitung eine eigene Version vor. Den MitarbeiterInnen fiel es nicht schwer, diesen neuen Vertrag zu akzeptieren, denn er war beinahe identisch mit der Version, die sie selbst vorgelegt hatten. Wichtig war, dass der unterzeichnete Vertrag von der Geschäftsleitung kam. Das war Lektion 1 in Sachen Psychologie. Lektion 2 war, dass auch unter den MitarbeiterInnen nicht alle ein Interesse an klaren Arbeitsverhältnissen hatten. Einige Wenige hatten aus den bisherigen Verhältnissen Nutzen gezogen und fürchteten nun um den Abbau ihrer Privilegien. Dieses Problem wurde gelöst, indem niemandem die Löhne gesenkt wurden. Jene, die bisher höhere Löhne bezogen, ohne dass dafür ein sachlicher Grund gefunden werden konnte, mussten auf Lohnerhöhungen verzichten, bis Gleichheit erreicht wurde.

Was darf die IGA?
Als der Vertrag unterzeichnet war, verlangte die Geschäftsleitung, dass die IGA für die geleistete Arbeit ausbezahlt wird und sich künftig zurückzieht. Die Betriebskommission trifft sich seither viermal jährlich. Diese Sitzungen stehen allen MitarbeiterInnen der Studiokino AG offen. Damit soll verhindert werden, dass sich die Kommission eine Machtposition schafft und neue Privilegien entstehen. Es hat sich gezeigt, dass die Betriebskommission ein gutes Forum ist, um Probleme und Ideen anzugehen. 'Wunder darfst Du allerdings nicht erwarten', fügt Charlotte bei, und Alice ergänzt: 'Die Frage, wem das Baby gehört, ist immer noch wichtig. Du musst Geduld haben, und plötzlich findest Du Deine Idee in einem Vorschlag der Geschäftsleitung wieder'. Und ganz aus der Studiokino AG verbannt bleibt die IGA auch nicht. Seit einem Jahr engagiert sich eine Mtiarbeiterin im IGA-Vorstand, und als es letztes Jahr zu einem Konflikt zwischen einer Mitarbeiterin und der Geschäftsleitung kam, konnte die IGA erfolgreich vermitteln.

Nachahmung lohnt sich
Die Situation der Studiokino AG ist nicht einzigartig. Es gibt immer mehr Betriebe, in denen sich die MitarbeiterInnen höchstens zur Dienstplanung treffen, und die Kommunikation mit der Geschäftsleitung hauptsächlich über Rundschreiben und zufällige Begegnungen läuft. In solchen Verhältnissen hilft oft der beste Wille nicht weiter - es braucht Strukturen. Eine klare Struktur wie die Betriebskommission der Studiokino AG schafft Raum und Zeit für die gemeinsamen Interessen einer Belegschaft. Und über die Traktanden der Sitzungen hinaus schafft sie so etwas wie Geborgenheit: 'Die familiäre Komponente darfst Du nicht vergessen', betonen Charlotte und Alice. 'Auch wenn Du keine Wunder erwarten darfst, Respekt haben wir durch unser Vorgehen auf jeden Fall gewonnen'. Ein Versuch, das Modell der Studiokino AG nachzuahmen, lohnt sich auf jeden Fall. Einfach so geschasst werden, wie die MitarbeiterInnen der Kasernen-Beiz, wäre mit einem solchen Modell kaum möglich.

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Fünfundfünfzig - und einen Lohn zum Davonlaufen

Mit dem Ruf 'Wir wollen nicht 2000 Jahre warten - erobern wir das Gleichstellungsgesetz' wurde letzten Herbst für PIA - Pionierinnen in Ausbildung geworben. Oft wird angenommen, dass vor allem junge Leute auf Veränderung drängen. Doch der Ruf nach Gleichstellung in der Arbeitswelt mobilisierte mehrheitlich Frauen über Fünfzig. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass nach der Familienpause ihre Kompetenzen keine Wertschätzung finden, und sie auch in reifem Alter die miesesten Arbeitsbedingungen akzeptieren müssen.
Von 'Pionierinnen' sprechen wir, weil jene, die sich für die Gleichstellung in der Arbeitswelt einsetzen, meist einsam auf weiter Flur stehen und sich entsprechend vorbereiten sollten. Für den Ausflug in unwegsames Gelände meldeten sich neun Frauen an. Neben Ärger und Frust haben Tatendrang und die Lust, etwas zu verändern, die Frauen zur Teilnahme bewogen.
Zu einer Flut von Klagen ist es seit der Einführung des Gleichstellungsgesetzes nicht gekommen, aber zumindest müssen zu seiner Veranschaulichung Beispiele nicht mehr erfunden werden. Die Pionierinnen in Ausbildung konnten in einem Basiskurs die Anwendungsmöglichkeiten des Gesetzes anhand real-existierender Fälle studieren: Da sind die Fabrikarbeiterinnen in Genf, die erfolgreich dagegen klagten, dass sie für weniger Geld mehr arbeiten mussten als ihre männlichen Kollegen. Da sind die Journalistin, die Verkäuferin und die Kindergärtnerinnen diverser Kantone, die auf Lohngleichheit pochen oder die Direktionsassistentin, die nicht schlucken wollte, dass ihre Bewerbung abgelehnt wurde, weil die mit der Arbeit verbundenen Überstunden ihrem vorschulpflichtigen Kind nicht zumutbar seien. Es gibt inzwischen auch die Dreherin, die nach einer Lohnbeschwerde entlassen wurde, aber dank dem Kündigungsschutz per gerichtlicher Verfügung wieder ihrer Arbeit nachgehen kann. Und es gibt das Hotel in Zürich, das tief in die Kasse greifen musste, weil es zwei Opfer von sexueller Belästigung, statt zu schützen, entliess.
Inzwischen sind die Pionierinnen von PIA dazu übergegangen, in Arbeitsgruppen ihre eigenen Möglichkeiten unter die Lupe zu nehmen. Die Frauen haben dabei schnell festgestellt, dass es an mehreren Enden mangelt: es ist nicht nur das arbeitsrechtliche Wissen, das oft fehlt. Mindestens ebenso schwierig ist es, aus der traditionellen Frauenrolle auszubrechen und statt bescheiden zu dulden, selbstbewusst für seine Rechte einzustehen. Gerade in dieser Frage ist die Gruppe ein Energietank und eine Stütze für die einzelnen Frauen: wer bei seinen ersten Versuchen, etwas zu verändern angeschnauzt wurde oder an nicht mehr weiter kommt, bleibt eher hartnäckig, wenn eine Gruppe immer wieder für Aufmunterung sorgt.
Seit dem 23. März läuft der zweite Basiskurs mit acht neuen Teilnehmerinnen. Zwei von ihnen kommen sogar aus dem Kanton Zürich hergereist. Ein Teil der Gleichstellungsfälle wird in diesem Kurs von den Teilnehmerinnen des ersten Kurses vermittelt, denn nur wenn das, was gelernt wurde auch weitergesagt wird, kann das Gleichstellungsgesetz Wirkung bekommen. Noch bis zu den Sommerferien werden sich die Pionierinnen treffen - und dabei allerlei aushecken, damit der Funke am brennen bleibt. cst

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Wo ist das nächste Hamam?

Warum gibt es das nicht auch in Basel: ein Hamam ? Entspannung in architektonischer Pracht.

VON CLAUDIA STUDER

Im Winter 1987/88 war ich vier Monate in der Türkei unterwegs und seither denke ich jeden Winter mit Wehmut an jene Reise zurück. In der Türkei gibt es etwas, das es in der Schweiz nicht gibt und das ich hier sehr vermisse: Die Hamams, die öffentlichen Bäder, bieten viel mehr als nur Körperhygiene, und auch viel mehr als die Dampfbäder in den hiesigen Fitness-Clubs.
In vielen türkischen Städten liessen Sultane neben stolzen Moscheen grosse öffentliche Bäder erbauen. Die flachen Gebäude mit den vielen kleinen Kuppeln fielen uns schnell auf, und da die einfachen 'Otelis' nicht immer über ein Bad verfügten, lernten wir die öffentlichen Bäder bald auch von innen kennen. In Isnik, dem früheren Nicea, fanden wir erst nach längerem suchen ein Hamam für mich. Mein Freund hatte es immer etwas einfacher. Bäder für Männer gab es mehr. Und wenn wir an einem Gemischten vorbeikamen, war mit Gewissheit gerade 'Männerzeit'.
Die Frau, die mir an der Tür gegenüberstand, liess einen ganzen Wortschwall auf mich los, und ich verstand kein Wort. Ich zeigte ihr meinen Geldschein und wiederholte 'Hamam'. Mir war nicht klar, was es da nicht zu begreifen gab. Schiesslich nahm die Frau mein Geld entgegen und liess mich ein, endlich konnte ich den feuchten Winternachmittag hinter mir lassen.
Hinter der Tür, nur durch einen Windfang nach aussen hin geschützt, lag der Umzieh- und Erholungsraum: links die Theke der Badefrau mit der Teeküche und vor mir die Reihe der hölzernen Kojen mit den gepolsterten Liegen. Es war nicht das schäbigste Hamam, das mir bisher begegnet war, aber das ausgestorbenste. Wo sonst die Welt des Harems pulsierte, lagen nur ein paar verwaiste Holzsandalen neben Büscheln von epiliertem Körperhaar. Es war ganz still. Die Badefrau hatte sich auf ihren Hocker gesetzt. Jedes Geräusch in diesem grossen Raum stammte von mir.
Ich zog mich aus und betrat das Herz des Hamam, den grossen Waschsaal. Milchige Lichtstrahlen drangen durch die kleinen, kreisrunden Luken der Kuppeln in den ansonsten dunklen Saal. Den Wänden entlang zogen sich steinerne Bänke, die nahtlos in Nischen mit kleinen, gemauerten Wasserbecken übergingen. Stalaktitengewölbe schlossen die Nischen nach oben ab. Es war wirklich nicht das schäbigste aller Hamams und inzwischen genoss ich es, ganz alleine zu sein. Feiner Dampf hing unter den Kuppeln, und zuweilen fiel ein kondensierter Tropfen von der Decke. Ich legte mich auf eine Bank, liess all meine Gedanken los, auf dass Seele und Poren sich öffneten.
Die Regeln des Hamams waren mir zu Beginn unserer Reise völlig unbekannt. Bei meinen ersten Besuchen hatte ich versucht, sie mir durch Nachahmen anzueignen, aber ich war mir noch immer nicht sicher, ob ich auch alles richtig begriffen hatte. Schon beim ersten Mal fiel mir auf, dass es sehr aussergewöhnlich ist, alleine das Bad zu besuchen. Gruppen von Freundinnen oder drei bis vier Generationen von Grossfamilien sassen in den Nischen beisammen, schrubbten sich gegenseitig den Rücken oder seiften sich die Haare ein. Scheu ging ich damals auf eine freie Nische zu, nahm wie die anderen Frauen eine der bereitliegenden Metallschalen und begann, mich mit kaltem Wasser zu übergiessen. Doch schnell hatte ich die Neugierde einiger Besucherinnen geweckt. Plötzlich standen drei Frauen vor meiner Nische, lachten und sprachen auf mich ein. Mit Worten konnten wir uns nicht gross verständigen. Sie fragten, ob ich Kinder habe, dann begannen sie sich für mein Shampoo zu interessieren. Zu meinem Erstaunen schien sie dieses Produkt moderner Körperpflege nicht zu beeindrucken. Im Gegenteil, sie schüttelten den Kopf und stellten die Flasche mit Bestimmtheit zur Seite. Die Frauen tauschten kurz ein paar Worte, dann verschwand eines der kleinen Mädchen, die sich mit grossen Augen zwischen den Körpern der Erwachsenen durchgedrängt hatten. Die Kleine kam einem grossen Stück Kernseife und einem gar nicht flauschigen Lappen zurück. Und dann wurde ich gewaschen - abgerieben und eingeseift, von ich weiss nicht wievielen Händen. Auch die Haare wurden mir eingeseift. Die Türkinnen mit ihren prachtvollen Haaren wussten hoffentlich, was sie taten.
In der Einsamkeit des Isniker Hamams dachte ich an jene Szene zurück. Wir Europäerinnen sind seltsame Wesen: Wir geniessen es, zuweilen ganz alleine zu sein. Genüsslich zog ich mein Waschritual in die Länge. Später sass ich in ein weiches Tuch gehüllt im Ruhesaal und fühlte mich ganz wohlig. Gerne hätte ich jetzt einen heissen Tee geschlürft. Doch die Badefrau wollte diesem an sich sehr gebräuchlichen Wunsch nicht nachkommen. Sie deutete auf meine Uhr und wies mit der Hand Richtung Ausgang. Enttäuscht zog ich meine Wintersachen an.
Draussen vor der Tür stand ein Dutzend Männer, alle mit einem Badetuch unter dem Arm. Sie rückten zur Seite und liessen mich zur Strasse durch. Seltsam, dachte ich. Doch plötzlich hatte ich einen Verdacht. Ich blickte nochmals auf das Schild über dem Eingang zurück. Es war längst 'Männerzeit', die Herren hatten warten müssen, bis Madame mit dem Bade fertig war.
Seit der Rückkehr aus der Türkei habe ich nur einen Ort gefunden, wo ich ein Dampfbad nach allen Regeln der Kunst geniessen kann: im Hamam der Mosquée de Paris. Wie halten es die Türkinnen und Türken in Basel bloss aus? Warum gibt es in Basel kein Hamam?

Reisetip:

Hamam 'La Mosquée' in Paris, 39 Rue Geoffroy Saint Hilaire, Metro-Station Place Monge, Bus Nr. 67 Station La Mosquée.
Tel.: 0033-1-43 31 38 20.
Für Frauen jeweils Montag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag; für Männer Dienstag und Sonntag.

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Nachrichten

Gespräch mit dem seco
Am europäischen Aktionstag vom 10. Dezember 1999 erzwangen VertreterInnen der Schweizer Arbeitslosenkomitees durch eine Blockade des Eingangs vom Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) die Vereinbarung eines Gesprächstermins. Die Gespräche, die am 20. Januar 2000 stattfanden, erwiesen sich jedoch als wenig ergiebig: Dominique Babey, Direktor für den Arbeitsmarkt, erklärte sich zwar zu einer Zusammenarbeit bereit - jedoch nur bei der Besprechung individueller Fälle und auf rein technischer Ebene. In allen Fragen bezüglich der Revision der Arbeitslosen-Versicherung wurden die VertreterInnen der Erwerbslosen an die Politik verwiesen. Die Komitees zeigten sich entsprechend enttäuscht und sprachen von einer 'Hinhaltetaktik'.
Homepage: http://surf.to/avanti

VETO im Euromarsch
An ihrer letzten Versammlung vom 10. März bereitete die Vereinigung der Erwerbslosen-Initiativen Trinationale Oberrhein (VETO) vor allem ihr gesamteuropäisches Engagement vor: Am 26./27. Mai findet in Brüssel das Vorbereitungstreffen für den Euromarsch 2000 statt. Bereits am 24. Juni soll eine Demonstration in Brüssel stattfinden. Am 13./14. Oktober ist ein grosses Treffen in Biarritz zum Thema 'Soziales Europa' geplant. Im Dezember schliesslich wollen die EuromarschiererInnen dem EU-Gipfel in Nizza ihren Stempel ausdrücken.

Adieu, Jean-Jacques!
Jean-Jacques Desbordes arbeitete als Sekretär für die Mediengewerkschaft comedia in Lausanne und war von der Mediengewerkschaft für das Engagement zugunsten der Erwerbslosen freigestellt. Sein unermüdlicher Einsatz für den ersten nationalen Kongress gegen Erwerbslosigkeit im Juni 1999 hat uns alle beeindruckt. Das Engagement und die Rastlosigkeit der Politik bestimmte sein Leben. Im Februar ist er nach kurzer aber schwerer Krankheit gestorben. Lieber Jean-Jacques, Deine Leutseligkeit, Diskussions- und Lebensfreude bleiben unvergesslich!

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