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Bulletin der Arbeitslosenselbsthilfe Basel und der Interprofessionellen Gewerkschaft der ArbeiterInnen IGA |
Mindestlöhne - nötig und machbar |
Eine im Auftrag des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) erstellte Studie erklärt die Notwendigkeit und Machbarkeit von existenzsichernden Mindestlöhnen. |
| Aller Anfang ist Zahl. So auch in der Ende Mai dieses Jahres erschienenen Studie einer Expertengruppe um den Genfer Ökonomen Yves Flückiger. Die Kampagne 'Kein Lohn unter 3000.- Franken' des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) und die namentlich vom SGB eingebrachten 'flankierenden Massnahmen' zu den Bilateralen Verträgen mit der EU sollten ein solides wissenschaftliches Fundament erhalten. Tieflöhne machen arm Die Analyse der gegenwärtigen Situation zeichnet ein in der Tat nicht besonders helles Bild von den Lohnverhältnissen in der Schweiz: So stellt die Studie fest, 'dass 1995 8,1% der Erwerbstätigen einen auf Vollzeit aufgerechneten Lohn beziehen, der geringer ist als netto 2500 Franken. 13,5% der Erwerbstätigen beziehen einen entsprechenden Lohn von weniger als 3000 Franken netto'. Diese Tieflöhne produzieren geradezu ein Heer von Working poor: 'Es muss davon ausgegangen werden, dass in der Schweiz im Jahr 1992 250'000 Personen die von der Schweizer Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) festgelegte Armutsgrenze nicht erreichten, obwohl mindestens eine Person in ihrem Haushalt voll erwerbstätig war.' Zusätzlich verschärft wird die Situation für viele ArbeitnehmerInnen durch die zunehmende Prekarisierung der Arbeits- und Erwerbsverhältnisses. Die ExpertInnen glauben zu erkennen, 'dass die Arbeitslosigkeit eine zunehmende 'Prekarisierung' der Arbeitsbedingungen (unfreiwillige Teilzeitarbeit, unstabilere Beschäftigungsverhältnisse) verursacht und damit mehr Haushalte in Finanzierungsschwierigkeiten gebracht hat. Am häufigsten sind die tiefen Löhne in den Branchen persönliche Dienstleistungen, Reinigungsgewerbe, Gastgewerbe und Detailhandel zu finden.' Schon gar nicht mehr überraschend ist der Befund der Studiengruppe, dass insbesondere Frauen von tiefen Löhnen, Prekarität und Arbeitsarmut betroffen sind: 'Frauen beziehen rund drei Mal häufiger tiefere Löhne als Männer. Insgesamt kann festgestellt werden, dass die Problematik von Tieflöhnen vor allem Frauen, Ungelernte und Teilzeitbeschäftigte betrifft.' Ausreichende Mindestlöhne... Doch nicht nur das Geschlecht bestimmt den (Tief-)Lohn, sondern auch die gewerkschaftliche Organisation bzw. Nicht-Organisation. Auffallend ist freilich, dass gerade Frauen häufig in Branchen beschäftigt sind, die nur schwach oder überhaupt nicht mit Gesamtarbeitsverträgen (GAV) abgedeckt sind: 'In rund 40 % der Arbeitsverhältnisse ist ein Mindestlohnschutz vorhanden, wobei die Löhne der Männer häufiger durch einen GAV bestimmt werden als die Löhne der Frauen - 44,9% gegenüber 34,6%'. Wer sich nicht wehrt, lebt offenbar verkehrt: 'Die höchsten Anteile von Tiefstlöhnen finden sich in Branchen mit einem ausgesprochen tiefen gesamtarbeitsvertraglichen Abdeckungsgrad.' (Vgl. Artikel unten.) Die Schweiz erweist sich auch und gerade im Bereich 'Löhne' als zugleich 'Schwarzes Loch' im sozialen Europa und regelrechtes Arbeitgeber-Paradies: 'Die Schweiz unterscheidet sich von den meisten Ländern, indem sie weder gesetzliche Mindestlöhne noch einen hohen Abdeckungsgrad mit Gesamtarbeitsverträgen kennt, welche Mindestlöhne enthalten.' Zusammenfassend geben die ExpertInnen ihrer Überzeugung Ausdruck, 'dass Mindestlöhne als sozialpolitisches Instrument mehrere Vorteile haben: Sie haben keine direkten finanziellen Konsequenzen auf die öffentlichen Budgets. Sie erhöhen den Anreiz zu arbeiten, dies im Gegenteil zu allen Modellen mit Lohnzuschüssen oder 'negativen Einkommenssteuern'. Mindestlöhne sind zudem sehr einfach zu administrieren. Schliesslich entlasten sie die Gesellschaft von Sozialausgaben, welche die tiefen Löhne kompensieren. Anders formuliert: Mindestlöhne verhindern eine indirekte 'Subventionierung' der zu tiefen Löhne.' Die ExpertInnen bemessen ihre Mindestlohn-Forderung freilich selber an einem äusserst tiefen Standard: 'Der Mindestlohn sollte derart bemessen sein, dass die Lohnabhängigen nicht bei jeder Unwägbarkeit auf eine Unterstützung der Fürsorge angewiesen sind.' Von verschiedenen Szenarien würden freilich viele profitieren: Bei einem Mindestlohn von 3250 Franken (brutto) - dies entspricht in etwa der SGB-Forderung nach einem Mindestlohn von 3000 Franken netto - beispielsweise müssten die Löhne von 32 bis 63 Prozent aller Beschäftigten in den Branchen 'persönliche Dienstleistungen', Reinigung, Detailhandel und Gastgewerbe deutlich erhöht werden. Kann man da wirklich dagegen sein? ... sind kein Allheilmittel Alternativen zur eigenen Mindestlohn-Idee werden nur am Rande erwähnt. Die Studiengruppe geht deshalb auch nicht näher auf die tatsächlich schwierige und widersprüchliche Diskussion um ein garantiertes Mindesteinkommen (unabhängig von jeder Erwerbsarbeit), eine 'negative Einkommenssteuer' zur Entlastung der Wenigverdienenden oder die von bürgerlicher Seite favorisierten 'Lohnsubventionen' ein. Doch enthält der Bericht einen Satz, der, fett geschrieben, auch den gewerkschaftlichen Auftraggebern der Studie zu denken geben sollte: 'Die Armutsprobleme können nicht allein durch die Einführung von Mindestlöhnen beseitigt werden.' Manfred Reist |
Auswandern, ohne die Heimat zu verlieren |
| Die 'Geteilte Migration' im Bergell kehrt ins globale Dorf zurück |
| Bis zum ersten Weltkrieg war die Schweiz vor allem ein Auswanderungsland. In grosser Zahl sind während Jahrhunderten die Armen der Schweiz in alle Teile der Welt gezogen. Die Wenigsten von ihnen fanden in ein wirklich besseres Leben. Aber es gab auch Ausnahmen. Ein Beispiel ist die Migration der BergellerInnen. Dank einer geschickten Kooperation unter den TalbewohnerInnen gelang es vielen Familien, im Ausland zu Wohlstand zu kommen und dennoch im Tal verwurzelt zu bleiben. Dank einem Vertrag zwischen Graubünden und Venedig konnten die Bergeller während des Winters in der Adria-Handelsstadt ihr Glück versuchen. Die Frauen blieben in der Regel im Tal zurück. Viele Berufe standen den Bergellern nicht offen, da Zünfte dafür besorgt waren, dass Auswärtige nicht ihre Geschäfte störten. Manche Bergeller verdienten ihr Geld mit Schuhreparaturen, andere verdingten sich bei den Zuckerbäckern. Irgendwie gelang es den Bergellern, in der Zunft der Zuckerbäcker Fuss zu fassen und von Strassenverkäufern zu Geschäftsinhabern aufzusteigen. Es gab eine Zeit, da waren 40 der 42 Konditoreien Venedigs in Bündner Händen. Als Geschäftsinhaber mussten die Bergeller natürlich das ganze Jahr über präsent sein. Wie aber in der Fremde leben, ohne die Heimat zu verlieren? Die Bergeller praktizierten ein erfolgreiches System: Sie teilten die Migration unter den Familienmitgliedern auf. Ein Teil blieb für ein Jahr im Ausland und verdiente sein Geld mit Zucker. Danach kehrten sie mit den Goldstücken zurück, teilten den Gewinn mit der Familie und blieben nun ihrerseits während eines Jahres im Tal und besorgten die Landwirtschaft. Auch als die Bergeller weiter fort auswandern mussten, blieben sie bei diesem System der geteilten Migration. So kommt es, dass Florio Pult, der im Palazzo eines erfolgreichen Zuckerbäckers eine Ausstellung und ein historisches Archiv aufgebaut hat, sagen kann: ?Alle meine vier Urgross-väter waren Zuckerbäcker!? Sie haben alle in verschiedenen Teilen Europas gewirkt, in Osteuropa, Süditalien und Frankreich; dennoch ist die Familie im Bergell verwurzelt geblieben. Und aus der Fremde haben die Auswanderer auch manche Anregung ins Graubünden gebracht. '1926 hat mein Grossvater als erster im Engadin eine Nusstorte gebacken', sagt Herr Pult mit einem Schmunzeln. 'Das Rezept dazu hat er aus Frankreich mitgebracht'. Auch heute sind die BewohnerInnen Südbündens Pioniere im Verbinden der weiten Welt mit ihrem Tal. Das 'Progetto Poschiavo' stellt den 1500 BergellerInnen und 4500 PuschlaverInnen die Infrastruktur für moderne Kommunikationsmittel zur Verfügung. Seither haben die BewohnerInnen 21 erfolgversprechende Projekte in den Bereichen Bildung, Arbeit und Regionalentwicklung auf die Beine gestellt. 'Wir wollen nicht zu Zuschauern des Weltgeschehens werden, wir wollen Akteure sein!', sagt Projektleiter Maurizio Michael selbstbewusst. Claudia Studer Ausstellung zur Migration der Zuckerbäcker im Palazzo Castelmur, Coltura (Stampa) Tel. 081 / 822 15 54. - Progetto Poschiavo: http:// www.progetto-poschiavo.ch. |