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Rassismus - (k)ein Problem?
Schweizer nehmen sich selbst als eine Gesellschaft offener und toleranter Menschen wahr. Von Aussen wird die schweizerische Gesellschaft aber als ziemlich geschlossen wahrgenommen. Claudia Studer berichtet von ihren Erkundungen.
Kurz darauf wurde ich mit der Aussage konfrontiert: „Mich macht nervös, dass Ihr den Ausländern so viel helft! Es gibt so viele Inländer/innen, die Hilfe dringend nötig hätten!" In beiden Fällen hörte ich aus dem Mund von netten und mir vertrauten Menschen Sätze, die meiner Meinung nach klar rassistisch sind. Wie reagieren? Nach einem ersten Schreckmoment sammelte ich Argumente: Im ersten Fall heisst das z.B.: alle Menschen, die in der Schweiz eine Parkbusse nicht bezahlen (wollen oder können), landen irgendwann im Gefängnis - das ist das moderne Relikt des mittelalterlichen Schuldturms. Und niemand, weder Schweizer/in noch Asylbewerber/in kommt in der Schweiz wegen einem Ladendiebstahl direkt ins Gefängnis! Im zweiten Fall hilft Hintergrundwissen weiter: Bei einer durchschnittlichen Arbeitslosenquote von 2,4% (Dezember 2002), sind SchweizerInnen zu 2%, AusländerInnen aber zu 6 % von Arbeitslosigkeit betroffen. Da ist es nur logisch, dass bei unserer Stelle überproportional viele AusländerInnen Hilfe suchen. Viel schwieriger als Argumente zu finden, ist es, dafür zu sorgen, dass wirklich ein offenes Gespräch stattfinden kann. In dieser Situation kam mir die Einladung zur Arbeitstagung „Integration fördern - Rassismus bekämpfen" gerade recht. Eine Einladung ins Oltener Parlament Der Parlamentssaal von Olten war gut besucht, und ein Blick in Saal und Teilnehmerliste zeigte ein sehr vielfältiges Publikum: Vertreter/innen von Basisorganisationen und Projekten, Mitarbeiter/innen von Hilfswerken, Gewerkschaften, aber auch Angestellte von Sozialdiensten, kantonalen und Bundesämtern, insgesamt über 60 Personen konnten die Initianten begrüssen. Als Referentin war Monique Eckmann, Soziologin aus Genf geladen. Sie wurde uns als die Schweizer Spezialistin für Antirassismus vorgestellt. In ihrem Referat zeigte sie auf, warum in der Schweiz vor allem „Integrationsförderung" ein Thema ist, und aus welcher Tradition die „antirassistische Arbeit" entstanden ist. Es folgten Hinweise, wie Rassismus erfolgreich thematisiert werden kann und welches Vorgehen sich als weniger wirksam erwiesen hat. „Integrationsförderung" ist dort ein Thema, wo es Migration gibt, und dadurch kulturelle und sprachliche Unterschiede eine gegenseitige Integration behindern. „Die Sprache lernen" ist daher die am häufigsten gehörte Forderung. In Deutschland ist dies inzwischen sogar gesetzlich geregelt: Die Gesellschaft muss Deutsch- und Integrationskurse zur Verfügung stellen und die Zugewanderten müssen diese nutzen. Sprachliche und interkulturelle Verständigung sind das Ziel der „Integrationsförderung". Nehmen wir nun einmal an, dass alle Zugewanderten problemlos unsere Sprache sprechen und auch wissen, nach welchen Regeln das öffentliche Leben hier funktioniert. Sind dann alle Probleme gelöst? Nein. Warum haben z.B. die perfekt französisch sprechenden AraberInnen aus Frankreichs ehemaligen Kolonien weiterhin mit Vorurteilen und Diskriminierungen zu kämpfen? Hier hilft der antirassistische Ansatz weiter: Dieser thematisiert Konflikte und Diskriminierungen zwischen den verschiedenen Gruppen und nimmt deren Machtverhältnisse zum Ausgangspunkt. Entstanden ist der antirassistische Ansatz dort, wo es aufgrund von Sklaverei, Kolonialismus oder Rassenverfolgung zur Unterdrückung einer Minderheit aufgrund ihrer „Rassenzugehörigkeit" kam. Banalisieren noch Moralisieren! Die antirassistische Bildung ist bei uns weder sehr verbreitet noch erfolgreich. Monique Eckmann sieht die Gründe dafür in Fehlern der bisherigen Antirassismusarbeit. Lange Zeit sei ein moralisierender und militanter Diskurs verbreitet gewesen: gute Antirassisten kämpfen gegen böse Rassisten. Diese aggressiv wirkenden Schuldzuweisungen hätten eher das Gegenteil bewirkt: „Indem er sich vor allem darauf beschränkte, die Schuldigen anzuklagen, diente der antirassistische Diskurs mehr dazu, Solidarität mit den Opfern zu bekunden und seinen militanten Verfechter/innen ein gutes Gewissen zu verschaffen, als einen Beitrag zur Erziehung gegen den Rassismus zu leisten." Das Gegenbild ist eine antirassistische Bildung, die - ausgehend von Konflikten, welche die Einzelnen erleben - die komplexen Erfahrungen aller Beteiligten, seien es Opfer, Täter/innen oder Zuschauer/innen ergründet und aufarbeitet. Zum Schluss ging Monique Eckmann auf den Umgang mit Täter/innen ein. Sie stellt fest, dass die meisten Leute, die eine rassistische Aussage machen, betonen, dass sie keine Rassisten sind. Sie ist überzeugt, dass die überwiegende Mehrheit dieser Menschen tatsächlich nicht mit Absicht rassistisch sind: „Den Rassismus bekämpfen, nicht die Rassisten", fasste die Referentin ihr Ziel zusammen - und erzeugte damit nicht wenige ratlose Gesichter. Konkrete Ratschläge gefragt „Soll ich jetzt mit dem bösen Rassisten auf der Baustelle auch noch lieb sein?", eröffnete ein irritierter Gewerkschafter die anschliessende Fragerunde. „Wie soll ich mit Leuten, vor denen ich selber Angst habe, ein Gespräch anfangen, wenn ich Zeugin wurde, dass sie jemanden rassistisch diskriminiert haben?", fragte die Vertreterin einer afrikanischen Organisation. Auf die konkreten Fragen hin formulierte die Fachfrau auch einige konkrete Tipps: Im letzten Programmteil wurden wir zum „Projekteingabe-Spiel" aufgefordert. Ein knappes Dutzend Projektentwürfe lagen nach einer halben Stunde vor, und gemeinsam haben wir erörtert, ob das Projekt auf konstruktive Weise ein Beitrag gegen den Rassismus sein könnte. Falls ich je im Rahmen des „Fonds Projekte gegen Rassismus und für Menschenrechte" eine Eingabe machen möchte, war der Besuch der Arbeitstagung in Olten sehr nützlich. Aber hat mir die Tagung auch in meinem privaten Umgang mit rassistischen Äusserungen weitergeholfen? Nun, direkte Antworten fand ich keine, aber Anregungen: 1) Es war richtig, sich nicht auf „kulturelle" Argumente einzulassen („die Asylanten sind halt von unserem Konsumüberangebot verwirrt und müssen noch lernen damit umzugehen"), sondern auf der Ebene der gesellschaftlichen Machtverhältnisse zu bleiben (eine rechtliche Regelung, die als ungerecht empfunden wird, angreifen). 2) Die Situationen sind komplex und führen oft zu seltsamen Vergleichen. Es ist nützlich, die Aussagen in wirklich zusammengehörende Teile auseinander zu nehmen. 3) Steckt nicht hinter vielen rassistischen Äusserungen gegenüber Fremden die Unterstellung, dass die Einheimischen diskriminiert werden? Was ja auch eine rassistische Diskiminierung wäre. Ich frage mich bzw. mein Gegenüber also: Diskriminiere ich die Gruppe der Einheimischen? Wenn ich die Frage mit guten Gründen verneinen kann, komme ich einem guten Gespräch über wirkliche gesellschaftliche Missstände viel näher.
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