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Erfolgreiche und gescheiterte Projekte: Ein Rückblick

Im Dezember 1995 hat der Sozialpädagoge Daniel Stoller seine Lizentiatsarbeit "Erwerbslosigkeit gemeinsam anpacken!" [1] vorgelegt. Er untersucht darin die Projekte, welche zwischen 1993 und 1995 im Erwerbslosenzentrum Bläsiring entstanden sind. Er selbst war während dieser Zeit regelmässig als "aktiver Beobachter" im Zentrum präsent. In seiner Fallstudie untersucht er die verschiedenen Projekte und versucht anhand eines Kriterienkataloges herauszufinden, was über Erfolg oder Scheitern eines Projektes entscheidet. Die Erfahrungen der Kontaktstelle für Arbeitslose bzw. des Arbeitslosenkomitees entsprechen weitgehend den Resultaten dieser Untersuchung.

Erfolgreiche Projekte [2]

"Als erfolgreiche Projekte gelten solche, die über längere Zeit Bestand haben und sich durch folgende Attribute auszeichnen:

Sie bieten eine konkrete Aufgabe: Es scheint speziell im Erwerbslosenbereich wichtig, etwas Greifbares zu produzieren, auf das immer wieder zurückgegriffen werden kann. Der Akt des Hervorbringes zeigt, dass man/frau trotz der Erwerbslosigkeit tätig und schöpferisch sein kann. Dieses Produkt muss in direkter Verbindung zur Gesellschaft stehen und einen echten Bedarf abdecken. Zudem muss die Produktion eine Herausforderung in intellektueller und manueller Hinsicht darstellen. Verbalisierungsmöglichkeiten müssen im Gleichgewicht zu Handlungsmöglichkeiten stehen, aber sie müssen diesen zudem untergeordnet sein, d.h. sie müssen in Handlungen integriert sein."

Erfolgreiche Projekte haben auf die TeilnehmerInnen sehr positive Auswirkungen. Vor allem geben sie Anerkennung. Die Mitarbeit an einem erfolgreichen Projekt kann aber auch helfen, Wunden zu heilen und z.B. traumatische Erlebnisse aus der Arbeitswelt zu verarbeiten. Darüber hinaus bieten erfolgreiche Projekte (ebenso wie gescheiterte) neue soziale Kontakte und eine Strukturierung des Alltags. Daniel Stoller hat für seine Lizentiatsarbeit zahlreiche Interviews geführt und lässt die TeilnehmerInnen die Wirkung der Projekte aus sie gleich selbst in Worte fassen:

Ein Teilnehmer berichtet:
"Also ein toller Augenblick war es, als ich im einen Raum damit fertig war, den Boden alleine zu legen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich einen Parkettboden gelegt... Am Anfang hat mir jemand gezeigt, wie es geht und dann habe ich alles gemacht inklusive Leisten und Abschlüsse... Dann war es auch ein guter Moment, als ich endlich die Buchhaltung so auseinanderdividiert hatte, dass ich einigermassen drauskam. Lässig war es auch, als ich meinen Artikel in der Zeitung sah."

Zusammenfassend schreibt Stoller: "Erfolgreiche Projekte sind öffentlichkeitswirksam, fördern die Thematisierung, wirken der Verdrängung entgegen, dokumentieren ein Stück Zeitgeschichte, schaffen Fakten und sind damit die Plattform für weitere Projekte." [3] Den gesellschaftlichen Nutzen solcher Projekte sieht Stoller darin, dass sie Erwerbslosen einen Rahmen geben, sich mit ihrer Situation auseinanderzuset-zen. Er fände es allerdings wichtig, dass die Projekte vermehrt dokumentiert würden. Damit würde ein Selbsthilfe-Zentrum zum "Seismographen der gesellschaftlichen Bodenschwingungen".

Gescheiterte Projekte [4]

"Gescheiterte Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu einseitig auf einer Gesprächsbasis fussten, ohne ein konkretes Ziel oder Produkt anzustreben. Projekte, die sich vorwiegend mit Fiktionen, Modellen und "Wie wäre es wenn"-Vorstellungen beschäftigen, verlieren schnell ihren Orientierungspunkt. Nur in Verbindung mit konkreten Erfahrungen, an denen die Modelle immer wieder gemessen und bessere Instrumente entworfen werden, hat z.B. Konzeptarbeit Erfolg.

Es zeigt sich auch, dass Projekte nicht beliebig initiierbar sind und auch nicht kopierbar. Das heisst eine gute Projektidee, die an einem anderen Ort Erfolg hatte, kann nicht einfach übernommen werden. Projekte müssen gewachsen sein und von einer (temporär) konstanten Gruppe getragen werden. Es braucht eine verbindende Gruppenmotivation, eine Identifikation mit dem Produkt und ein „Wir-Gefühl", damit ein Projekt längerfristig besteht.

Es gibt keine technische Regel für den Erfolg eines Projektes. Es geht vielmehr darum, einen guten Ansatz zu erkennen, ihn dort zu unterstützen, wo dies möglich und sinnvoll ist und den Prozess zu begleiten. In jedem Fall erfordert Projektarbeit in einem neuen Umfeld sehr viel Zeit."

Für die Teilnehmer/innen sind gescheiterte Projekte in den meisten Fällen mit Konflikten, Frust und Resignation verbunden. Viele wählen im Anschluss an eine solche Erfahrung den Rückzug aus der Arbeitslosen-Selbsthilfe. Andere wagen einen neuen Anfang in einem anderen Projekt. Wenn eine Person mehrere gescheiterte Projektanläufe erleben muss, kann die freiwillige Mitarbeit zur "biographischen Falle" werden, zum Daueraufenthalt ohne Perspektiven.

"Ein wichtiger Moment in dieser Geschichte, denke ich mir, in der ich da mitmache, war auch der Moment, als mich H. zuhause anrief und mir mitteilte: Du, aus der Elektronikwerkstatt in den Räumen des türkischen Vereins wird nichts. Und er fragte mich, ob ich dabei wäre, wenn man den linken Teil in Angriff nehmen würde. Das war schon ein Wendepunkt... Ich habe dann sehr viel Zeit für das Einrichten der Druckerei investiert."

Aus dem Scheitern lernen? Ob Rückzug, Frust und Resignation oder Dauerengagement in einer Scheinwelt: Die Gefahren, welche für die Teilnehmer/innen aus gescheiterten Projekten erwachsen können, sind dann am grössten, wenn dem Projekt die Anbindung an eine stabile Begleitinstanz, z.B. ein Selbsthilfezentrum, fehlt. Wenn andererseits die Möglichkeit des Scheiterns als Teil eines Lernkonzeptes verstanden und vermittelt wird, verliert das Scheitern seine Tragik: Selbsthilfeprojekte von Erwerbslosen sind Experimentierfelder und beim Experimentieren gehört das Scheitern dazu. Die Prozessbegleitung durch das Zentrum ist dabei jedoch von grösster Wichtigkeit. Wer Fehler und Schei-tern zum Thema macht, kann sich leicht in einem Dschungel von Schuldzuweisun-gen verfangen. Der Umgang mit Konflikten ist in unserer Kultur nicht hoch entwickelt. Wer sich aber in Begleitung einer Fachperson auf Fehler und Scheitern einlässt, kann dadurch viel lernen. Ebenfalls ein wichtiger Punkt in der Projektbegleitung ist das Unterscheiden zwischen den Zielen des Projekts und der Teilnehmer/in. Es ist gut möglich, dass Teilnehmer/innen persönliche Zielsetzungen erreichen konnten, obwohl das Projektziel nicht umgesetzt werden konnte. Ebenso möglich ist (zumindest für einzelne Teilnehmer/innen) der umgekehrte Fall.

[1] Stoller Daniel, "Erwerbslosigkeit gemeinsam anpacken!" Lizentiatsarbeit, Universität St. Gallen 1995.

[2] Stoller Daniel, "Erwerbslosigkeit gemeinsam anpacken!" Kurzfassung der Lizentiatsarbeit, St. Gallen, 1996 kann bei der Kontaktstelle für Arbeitslose zum Selbstkostenpreis bezogen werden.

[3] Stoller 1996, Seite 46

[4] Stoller 1996, Kapitel 8.3.2.2 Seite 47 ff

 

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