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Phönix Druckerei Genossenschaft

Die lange Suche nach einer geeigneten Betriebsform

1995 wurde das Arbeitslosenkomitee angefragt, ob wir Erwerbslose kennen, die eine Druckerei übernehmen würden. Es fanden sich zwei junge Erwerbslose, die versuchten, sich selbständig zu machen, sowie drei Personen aus der Branche. Nach längeren Abklärungen entschloss sich die Gruppe, das Unternehmen zu wagen. Das Startkapital betrug fünf Anteilscheine à Fr. 2000.-, eine Spende von Fr. 5'000.- und ein Darlehen von 10'000.- Fr. Die Maschinen wurden mit Fr. 10'000.- angezahlt. Der Rest von 15'000.- konnte im Verlauf der Jahre ratenweise beglichen werden. In den Räumlichkeiten des Zentrums Bläsiring fanden sich ungenutzte Räume, welche zu günstigen Bedingungen zwischengenutzt werden konnten. Im ersten Betriebsjahr erreichte die Druckerei bereits einen mehrwertsteuerpflichtigen Umsatz.

Der Ertrag wurde jedoch geschmälert durch die vielen Startschwierigkeiten. Die nach der Rekrutenschule längere Zeit erwerbslosen jüngeren Mitarbeiter mussten weiter eine Stelle suchen, da sie im Zwischenverdienst bei der Genossenschaft arbeiteten. Mit der Zeit erhielten sie gute Stellenangebote, da sie sich mit dem Aufbau des Unternehmens bestens qualifiziert hatten. Nach grösseren Streitigkeiten verliess die Gründergeneration die Druckerei, blieb aber weiterhin in der Genossenschaft aktiv. Über ein halbes Jahr versuchten verschiedene ältere Erwerbslose, die Druckerei weiterzuführen. Einem von ihnen gelang die Stabilisierung des Betriebes. Die Fremdgelder konnten zurückbezahlt werden. Erstmals konnten auch regelmässig (niedere) Löhne ausbezahlt werden, aber jede Neuinvestition musste wieder mit einer Neuverschuldung finanziert werden.

Mit dem Ende der Zwischennutzung der Räumlichkeiten wurde auch eine neue Gesellschaftsform gesucht. Die Genossenschaft wurde vom Geschäftsführer als zu träge empfunden. Zusammen mit dem Drucker und einem Vertreter des Arbeitslosenkomitees wurde anfangs 2001 der Verein "Phönix Printing Pool" gegründet. In einem neuen Lokal konnte eine kleinere Druckerei übernommen werden. Der Verein wird als gemeinnütziges Arbeitslosenprojekt aufgebaut.

Fazit(e):
Der Aufbau der Druckerei als Erwerbslosen-Selbsthilfeprojekt war ein sehr komple-xes Unternehmen. Unser Fazit beleuchtet die Gruppenchemie, die Verbindlichkeit innerhalb der Gruppe, die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Finanzierung:

Stimmt die Chemie in der Gruppe?
Gerade in der ersten Produktionsphase kommt auf die Gruppe eine enorm hohe Belastung zu. Zwischenmenschliche Reibungsflächen erhalten dabei einen viel höheren Stellenwert als in der Planungsphase. Die mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelte Gruppe wurde allein durch das Band der gemeinsamen Erwerbslosigkeit zusammengehalten. Diese "negative Klammer" erzeugt zwar einen beachtlichen Solidaritätseffekt, ist aber nicht imstande eine positive Gruppendynamik zu erzeugen, welche die Belastungen des wirtschaftlichen Prozesses zu überwinden vermag. Erst in den grössten Schwierigkeiten zeigt sich der wahre Charakter des Menschen. Da diese Schwierigkeiten absehbar sind, sollte sich die Gruppe vor Aufnahme der Tätigkeit in einer speziellen Situation kennenlernen. Dies könnte in einem Segeltörn, einer Bergtour o.ä. erfolgen. Sind die Stärken und Schwächen der einzelnen Personen in etwa bekannt, so lassen sich spätere Überraschungen vermeiden.

Wer verpflichtet sich wozu?
Einen "eigenen" Betrieb aufzubauen, kann bei den Beteiligten grosse Motivationsschübe auslösen. Es ist jedoch ein grosser Unterschied, ob die Initiative von einer Einzelperson oder von einer Gruppe aus geht. In der Initiative einer Einzelperson geht alles aus einer Hand. Die Konsequenz des eigenen Handeln ist absehbar und einsichtig. Fehler können schnell erkannt und behoben werden. In der Initiative einer Gruppe wird aber alles massiv komplizierter. Andererseits kann eine Gruppe natürlich vielmehr bewegen, sofern alles wie aus einer Hand kommt. Die Fehler einzelner sind in eine Reihe anderer Handlungen der anderen Beteiligten verwoben. Das Teamkonzept muss ohne Autorität von oben auskommen; eine Konstellation, in der wir uns zuerst bewegen lernen müssen. Es braucht einen hohen Aufwand an Kommunikation, den sich ein Betrieb nicht einfach leisten kann. Es kommt also sehr darauf an, wie mit "schlanker" Kommunikation ein Maximum an Tiefe gewonnen werden kann. Das beste Mittel, diese Gratwanderung zu bestehen, ist der Beizug externer Begleitung und Beratung.

Das Gefühl, etwas gemeinsam zustande zu bringen, kann sehr viel Selbstvertrauen erzeugen und bedeutet eine gute Qualifikation. In der Aufbauphase garantiert jedoch noch nichts das Gelingen des Projektes. Niemand in der Gruppe kann sich auf die Garantie eines künftigen Arbeitsplatzes verlassen. Jede Person legt sich daher eine zusätzliche Strategie zu, falls das Projekt scheitern sollte. Wenn diese Alternativstrategien erfolgreich sind, kann es vorkommen, dass "im dümmsten Moment" eine oder mehrere Personen eine anderweitige Verpflichtung annehmen und aus dem Projekt abspringen. Wer ist dann noch verantwortlich für den Betrieb?

In der Aufbauphase arbeiteten vier Personen in der Druckerei. Nur bei einer maximal möglichen Ausnutzung des Maschinenparkes hätten vier Personen ein marktkonformes Einkommen erzielen kön-nen. Realistischerweise gab die Druckerei Erwerb für knapp zwei Personen. Die interne Konkurrenz um die zu schaffenden Arbeitsplätze wurde diskutiert. Trotzdem belastete die Frage, wer sich zu was verpflichtet, die Stimmung.

Die Motivation trotzdem am Projekt teilzunehmen, liegt in der Teilnahme an einem "Abenteuer Kooperation", das sich um den Kern des sozialen Gefüges bewegt. Es geht darum, in gegenseitiger Abhängigkeit einen gemeinschaftlichen Nutzen zu finden. Liegt die Motivation aber in unausgesprochenen und vielleicht illusionären Vorstellungen, dann bleiben bittere Enttäuschungen nicht aus.

Gesetzliche Akzeptanz

Erwerbslose, die eine Genossenschaft gründen, fallen aus dem Rahmen der bestehenden Fördermittel der Arbeitslosenversicherung. Diese sieht nur die Förderung von selbständiger Erwerbstätigkeit vor. (AVIG Art. 71 a-d, siehe auch "Was steht im Gesetz", Kapitel 1) Es lohnt sich abzuklären, ob auch bei einer Genossenschaftsgründung gewisse Fördermassnahmen beansprucht werden können.

In einer Genossenschaft stellen sich die MitarbeiterInnen als Genossenschafter selber an. In einer unbezahlten Aufbauphase kann gemäss Art. 15 Ziffer 4 AVIG freiwillig in einem Arbeitslosenprojekt mitgearbeitet werden.

Sobald ein Lohn entrichtet wird, kann dieser als Zwischenverdienst angerechnet werden, sofern das Einkommen kleiner als die Arbeitslosenunterstützung ist. Allerdings muss die versicherte Person weiterhin Arbeit suchen, da der Zwischenverdienst nur als Not- und Überbrückungslösung angesehen wird. Dies kann zu sehr unbefriedigenden Situationen führen: hier ist ein gutes Einvernehmen mit den zuständigen Amtspersonen zentral: eine rechtzeitige und fortlaufende Information der zuständigen Personen auf dem Amt über die Perspektiven, den Beginn und die Entwicklung des Projektes ist wichtig.

Eine andere Lösung ist der Einarbeitungszuschuss gemäss AVIG Art. 66. Unter bestimmten Bedingungen erhält die Genossenschaft für die Einstellung von Erwerbslosen während sechs ausnahmsweise zwölf Monaten von der Versicherung sogenannte Einarbeitungszuschüsse an die Lohnkosten. Im Gegensatz zu den Selbständigen sind die Angestellten einer Genossenschaft gegen eine erneute Erwerbslosigkeit versichert.

Finanzierung
In der Schweiz beträgt der durchschnittliche Kapitaleinsatz für einen Arbeitsplatz um die Fr. 100 000.-. Gemessen an diesem Wert hätte der Betrieb "Phönix" nicht gestartet werden sollen. Die Folgen sind denn auch eindeutig: Seit Beginn leidet der Be-trieb an einer chronischen Unterkapitalisierung. Keine Reserven, keine Liquidität, Verschuldung, Gratisarbeit. Die durchschnittliche Zahlungsfrist in der Schweiz beträgt im Durchschnitt 3 Monate. Das heisst, ohne Liquidität müssen permanent offene Rechnungen umgeschuldet werden. Dass es vielen Kleinbetrieben und Selbstständigen so ergeht, tröstet, hilft aber auch nicht weiter. Eine Lösung wäre die Bildung eines Liquiditätsverbunds. Anthroposophische Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland machen es vor: Die liquiden Mittel aller angeschlossenen Betriebe werden zusammengelegt und durch eine Bankgarantie rückversichert. Daraus entnehmen die einzelnen Betriebe ihre benötigten Mittel für die laufenden Kosten. Im Verbund können so die einzelnen Betriebe ihre Liquiditätsengpässe überwinden. Das System setzt ein starkes gegenseitiges Vertrauen und eine Bank voraus, die bereit ist, das System abzusichern. In diesem Fall ist es die anthroposophische Gemeinschaftsbank in Dortmund. In Basel verfolgt die Genossenschaft "Netz Soziale Ökonomie" ähnliche Ziele. Die angeschlossenen Betriebe der sozialen Ökonomie stärken sich durch gegenseitige Hilfe.

Kontaktadresse: Genossenschaft Netz Soziale Ökonomie, c/o Rösli Häfliger, Am Stausee 27, 4127 Birsfelden

 

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