Arbeitslosigkeit und Arbeitsbedingungen sind zwei Seiten derselben Medaille - und die meisten Selbsthilfe-AktivistInnen haben früher oder später den Weg zurück in den regulären Arbeitsmarkt gefunden. Einige von ihnen standen im Erwerbsleben erneut vor schwierigen Situationen, und suchten aufgrund ihrer Erfahrungen in der Erwerbslosen-Selbsthilfe nach Gestaltungsmöglichkeiten im Bereich Erwerbsleben. Als Ende der 80er Jahre viele ehemalige Erwerbslose über Temporärfirmen Beschäftigung fanden, war der Bereich der Temporärarbeit gesetzlich noch sehr ungenügend geregelt. Die Kontaktstelle unterstützte damals Betroffene - vor allem aus der türkischen Migration - im Aufbau einer gewerkschaftlichen Selbsthilfe-Initiative. Die daraufhin gegründete IGA - Interprofessionelle Gewerkschaft der ArbeiterInnen - blieb der Tradition der Selbsthilfe sehr nahe. Auf diese Weise konnte sie in Bereichen, die von der traditionellen Gewerkschaftsarbeit ungenügend oder gar nicht berührt werden, beachtliche Erfolge erreichen: höhere Löhne in einem Fast-Food-Restaurant, Angleichung der Frauenlöhne an die Männerlöhne in einer Reinigungsfirma, Rücknahme der Abruf-Verträge bei PTT-Briefsortiererinnen oder das Aushandeln eines Rahmenarbeitsvertrages für die Angestellten einer Kinogruppe.
Seitdem es die IGA gibt, wählen Erwerbslose, die nach einem sinnvollen Tätigkeitsgebiet suchen, immer wieder ein ehrenamtliches Engagement bei dieser Kleinstgewerkschaft. Auch der Kinoangestellte, der den Anstoss zum Handeln gab, kannte die IGA aus seiner Zeit als Arbeitsloser. Auslöser für die Verunsicherung unter den Angestellten war die umstrittene Kündigung einer Kolle- gin. Eine Gruppe von Angestellten rief daraufhin zu einer MitarbeiterInnen-Versammlung auf, welche durch einen Vertreter der Gewerkschaft moderiert wurde. An dieser Versammlung sprachen die Angestellten der verschiedenen Betriebe und Sparten erstmals über Löhne und Verträge. Dabei zeigte sich, dass es in diesen Bereichen sehr grosse Unterschiede gab, die sich nicht durch Qualifikation oder Dienstalter erklären liessen. In einem Brief informierten die Angestellten ihren Arbeitgeber über den Kontakt mit der Gewerkschaft und forderten eine Aussprache mit der Geschäftsleitung. Die Geschäftsleitung war mit dem Ziel eines Rahmenvertrages grundsätzlich einverstanden und liess sich auf einen Prozess ein, der sich über mehrere Monate hinzog. Geschäftsleitung, Verwaltungsrat, Angestellte und Gewerkschaft verhandelten über die Arbeitsbedingungen und legten Pflichtenhefte fest. Am Schluss der Verhandlungen stand der Rahmenvertrag. Er sieht unter anderem eine Betriebskommission mit bezahlten Sitzungen vor.
Der Rahmenvertrag erwies sich seither als solide arbeitsrechtliche Basis, und die Betriebskommission wurde zu einer wichtigen Schnittstelle, die dank dem Vertrauen, das sie auf beide Seiten hin geniesst, Probleme angehen kann, bevor sie zu Konflikten führen.
Fazit(e) All diesen Projekten, den sozio-kulturellen wie den politischen, ist gemeinsam, dass sie temporären Charakter haben, einen Gang in den öffentlichen Raum beinhalten, die unterschiedlichsten Menschen daran teilnehmen können und direkte Resultate der eigenen Anstrengung in kurzer Zeit sichtbar werden. Dies motiviert in hohem Ausmass. Je dynamischer ein Projekt ist, desto eher können auch Personen mitmachen, die grosse Mühe haben, sich zum Beispiel auf der Strasse zu exponieren. Die gemachten Erfahrungen haben in den allermeisten Fällen positive Spuren und eine nachhaltige Wirkung auf das Selbstwertgefühl hinterlassen. Die Zusammenarbeit im Team in sehr improvisierten Situationen verlangt hohe soziale Kompetenz, die im Tätigsein eingeübt werden kann. Sich selber in neuen Situationen "auszuprobieren" erlaubt den Blick auf sich selber. Dies bedeutet produktives Lernen in einer beruflichen Orientierungsphase bei schwierigen Verhältnissen auf dem Arbeitsmarkt.