Warum überhaupt gemeinsam? Arbeiten in der Gruppe ist anstrengend: Man muss Rücksicht nehmen und sich auf Auseinandersetzungen einlassen. Warum dann seine Ideen nicht alleine anpacken? Es ist eine Frage von Macht, Risiko und Power. "Macht", weil die wenigsten von uns alleine über die Macht (Geld, Beziehungen, Ausbildung, Inf-rastruktur, etc.) verfügen, um eine Idee Wirklichkeit werden zu lassen. "Risiko", weil viele Augen mehr sehen als zwei, und wenn es dennoch zum Absturz kommt, muss ich nicht alleine alles verkraften. "Power" aber, weil uns Flügel wachsen können, wenn wir von unseren Mitstreiter/innen angespornt werden.
"WAS TUN - ABER WIE?"
| Es gibt eine Vorstellung von Basisdemokratie, wonach es genügt, wenn sich alle In-teressierten regelmässig treffen, jede/r sein Anliegen in die Versammlung einbringt und während der Diskussion vor der Gruppe vertritt. Die Mehrheit entscheidet dann, was gemacht wird und was nicht. Diese Vorstellung berücksichtigt nicht, dass nicht allen gleich gut zugehört wird, dass nicht alle gleich gut vor anderen sprechen können, dass nicht alle gleich schnell schalten etc. In solchen Gruppen sind die Rollen der verschiedenen Teilnehmer/innen schnell festgelegt. Das Projekt der Gruppe kann sich vielleicht schnell und dynamisch entwickeln. Die Gefahr ist aber gross, dass nicht allen "Flügel wachsen", und das Potential vieler Teilnehmer/innen dadurch nicht zum Tragen kommt. Dies kann dem Projekt dann in einer Phase, in welcher alle Energien und Fähigkeiten gebraucht würden, schaden. Es lohnt sich, am Anfang einer Zusammenarbeit Zeit für eine bewusste Orientierung zu reservieren. |
Orientierungsphase:
Bevor die Gruppe das genaue Projektziel festlegt und mit der Umsetzungsarbeit beginnt, sollte sich die Gruppe Zeit für ein ausführliches "Was? Wie? und Warum?" lassen. Es geht dabei auf keinen Fall darum, sich schon im voraus den Wind aus den Segeln zu reden! Einerseits sollen die Projektmöglichkeiten in einem "Brainstorm" in alle Richtungen zugleich ausgelotet werden. Andererseits macht es Sinn, sich bereits in der Orientierungsphase nach erfolgreichen Vorbildern umzuschauen. Gleichzeitig kann die Orientierungsphase dazu dienen, dass sich jedes Teammitglied mit seinen persönlichen Fähigkeiten und Zielen auseinandersetzt.
Projektziele:
Im ersten "Brainstorm" sind alle Luftschlösser und Traumziele willkommen. Wer schon jetzt die Schere im Kopf hat, kann genau DIE zündende Idee verpassen. Und wer nicht dafür sorgt, dass alle zu Wort kommen, dem ergeht es ebenso.
Auf den "Brainstorm" erfolgt die Recherche:
"Hat jemand schon einmal etwas Ähnliches gemacht?"
"Auf welchen Erfahrungen können wir aufbauen?"
"Wer könnte eine solche Idee unterstützen?"
"Wem könnte unsere Idee nützen?"
"In welchem Zeitraum und mit welchem Aufwand an Arbeit und Geld lässt sich unsere Idee umsetzen?" "Haben wir wirklich Lust auf dieses Projekt?" etc.
Persönliche Fähigkeiten und Ziele:
Eine nützliche Hilfe bei der Bestandesaufname der persönlichen Fähigkeiten und Ziele ist die Orientierung an den sogenannten Schlüsselqualifikationen . Dabei werden vier Ebenen der Kompetenz unterschieden:
Abgleichen der Projektziele und der persönlichen Ziele: Der Vergleich der Projektziele mit dem Panorama von persönlichen Fähigkeiten und Zielen ergibt ein erstes Gruppenprofil. Die besten Chancen hat ein Projekt, in dem die Fähigkeiten und Ziele der Personen mit den Anforderungen des Projektes übereinstimmen.
Die Diskussion in der Gruppe zeigt auf:
"Welche Fähigkeiten sind in unserer Gruppe gut vertreten?"
"Wo könnte unsere Gruppe Verstärkung brauchen?"
"Wer möchte eine schwach vertretene Fähigkeit im Verlaufe der Projektar-beit entwickeln?"
"Wie gehen wir mit jenen Aufgaben um, die man machen müsste, aber niemand tun will?" etc.
Durch diese Diskussion kann das Potential der Gruppe ausgelotet werden. Wer etwas schon immer machen wollte, aber sich bisher nicht traute, findet in der Projektarbeit ein persönliches Ziel. Mögliche Schwächen der Gruppen (das, was man machen müsste, aber niemand tut es) können vorausgesehen und (z.B. durch das Rotationsprinzip) vorsorglich angegangen werden. Das Anpassen von Personen und Projekt kann natürlich auch von der anderen Seite her angegangen werden: "Wie müssen wir das Projektziel ändern, damit es unseren Fähigkeiten entspricht?"
Selbstverständlich zieht sich die Auseinandersetzung mit den persönlichen Fähigkeiten, Zielen und Interessen über die ganze Projektdauer hinweg. Wer sich aber am Anfang Zeit für diese Orientierung reserviert, wird sich später Ärger sparen. Am Ende der Orientierungsphase kennen die Teilnehmer/innen die verschiedenen Interessen und Eigenheiten ihrer Kolleg/innen. Sie haben ihr Projektziel in einer ersten Skizze festgehalten und die Spielregeln der Gruppe formuliert.
Literaturempfehlungen:
"KOMPETENZEN Portfolio - von der Biografie zum Projekt"
effe (espace de femmes pour la formation et l'emploi), h.e.p.-Verlag, Bern, 2001 ISBN 3-905905-15-9. Stellt eine bewährte und gruppenorientierte Methode der Standortbestimmung vor, welche alle Bereiche des Lebens mit einbezieht. Die Methode wurde für und mit Frauen, Migrant/innen und Erwerbslose entwickelt und angewandt.
"Schlüsselqualifikationen - Schlüssel zum Erfolg"
Broschüre erhältlich bei: Berufssberatung Stadt St. Gallen, Teufenerstrasse 1, 9000 St. Gallen, Tel 071 / 224 54 94, Fr. 7.-.