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Streitkultur

Wer sich engagiert, kommt automatisch immer wieder in Konfliktsituationen. Viele schrecken vor Konflikten zurück, andere kommen bei Streit erst in Fahrt. Gibt es aber so etwas wie eine positive "Streitkultur"? Wir denken schon. Wir gehen sogar weiter und sagen, dass eine gute Streitkultur einem Projekt förderlich ist. Was wir damit meinen, illustrieren wir weiter unten mit Aussagen des Basler Philosophen Dr. Hans Saner.

Wir empfehlen jeder Gruppe, die sich gemeinsam engagieren will, sich bereits in der Anfangsphase Gedanken zu ihrer Streitkultur zu machen, und Regeln für den Konfliktfall zu vereinbaren. Streit kann auch misslingen, und ein zerstörerischer Streit kann ebenso sehr wie ein verdrängter Konflikt den beteiligten Personen und dem Projekt schaden. Anregungen, welche Punkte wichtig sind, finden Sie im Anhang IV "Checkliste für eine konstruktive Streitkultur". Da die meisten von uns mit einer konstruktiven Streitkultur noch nicht sehr vertraut sind, kann es sich auch lohnen, im akuten Konfliktfall eine/n professionelle/n Mediator/in beizuziehen.

Der nachfolgende Text stammt aus einem Interview, das Daniela Manz und Stefan Grieder 1994 für die Arbeitslosenzeitung "Stempelkissen" mit Hans Saner geführt haben (Nr. August/September 94).


Wir Schweizer lieben das Saubere, Gepflegte, Eindeutige. Wir neigen dazu, Kompromisse einzuge-hen, oder wir bekämpfen andere Meinungen als feindlich. Echte Streitkultur liegt dazwischen: die Auseinandersetzung als solche ist wichtig. Es dürfen am Ende durchaus zwei verschiedene Meinungen stehen bleiben.

Die hohe Schule des Streitens

... Sollte die Kultur des Menschen nicht den Streit verhindern? [...]Es müssen gewisse Formen des Streits, es muss der Krieg, es muss der tödliche Kampf überwunden werden, und das, was in einer Auseinandersetzung kränkt oder verletzt, aber nicht der Streit oder die Auseinandersetzung als solche, und schon gar nicht die radikale Argumentation. Sonst verlöre man sehr viel: nämlich eine Möglichkeit, Klarheit zu schaffen, für die Auseinandersetzungen - Auseinandersetzung heisst es ja, nicht Zusammensetzung - eine unbedingte Voraussetzung ist. [...] Unser Problem in der Schweiz ist nicht, dass wir zuviel, sondern dass wir zuwenig streiten. Weil wir es nicht können.

Woher kommt das? [...] Wir sind ein eher introvertierter Menschenschlag. Extrovertiertheit kommt uns vor, wie wenn ein Moment von Exhibition dabei wäre. Denn wenn man streiten will, muss man sich äussern, sich in einem gewissen Grad blosslegen, sich zeigen. Wenn man eine Kultur der Schweigsamkeit hat und dadurch eine gewisse Scheu entwickelt, so neigt man dazu, sich von allen Händeln draussen abzuwenden, den Zaun eng zu ziehen und die Agressionen in sich hineinzufressen, bis eine persönliche Katastrophe anzeigt, dass man dies besser nicht tun sollte. Es gibt zwar bei uns eine Tradition, miteinander zu reden, um Differenzen beizulegen. Aber darin wird letztlich die Übereinkunft gesucht, während es in einer Streitkultur auch sein kann, dass man Differenzen eben NICHT bereinigt, sondern bewusst offen stehenlässt. [...]

Wie verhält es sich in der Politik? Die politische Auseinandersetzung ist etwas Besonderes. Die Politik will die Macht, und die politische Auseinandersetzung steht im Dienste der Macht. Das heisst: sie will sich durchsetzen. Sie wendet oft Tricks an, Schliche. Die politische Diskussion ist dann sophistisch, lügenhaft. [...]

[...] Sind denn die heutigen Podiumsdiskussionen ein würdiger Ersatz [...] für die öffentlichen Gespräche der Griechen, von der Streitkultur her gesehen? Am weitesten entwickelt war diese Art Streitkultur im Mittelalter. Da gab es die öffentlichen Disputationen. Im Unterschied dazu waren die Griechen im Kampf hinterlistig, oft niederträchtig. [...] Ein Äquivalent zu den mittelalterlichen Disputationen gibt es eigentlich nicht mehr. Das ist schade. Denn das war ein öffentliches Ritual, mit Zwang zu ritterlichem Verhalten. [...] In dieser Kultur der Auseinandersetzung haben einige der grossen mittelalterlichen Autoren, wie Thomas von Aquin, auch geschrieben. Wenn der eine Frage erörtert hat, ist er zuerst auf die Gegenargumente eingegangen, dann auf die Argumente pro, und erst dann hat er gesagt: "Aber ich sage". [...] Das war eine ziemlich ehrliche Art zu schreiben, weil sie nichts unterschlagen hat. Während im allgemeinen heute jede Menge an anderer Argumentation unterschlagen wird, so dass das Schreiben selbst zu einer sophistischen Disziplin geworden ist.

Wie können Menschen streiten, zwischen denen ein Machtgefälle besteht, also Chef - Angestellter, Eltern - Kind? Ein solcher Streit hat keine günstige Voraussetzung. Wenn es zu einer Auseinandersetzung zwischen einem Chef und einem Angestellten kommt, welche vom Chef nicht argumentativ entschieden werden kann, dann wird er zu einem be-stimmten Zeitpunkt einfach das sogenannte Machtwort sprechen. [...] Die Voraussetzung für das Gelingen des Streits ist, dass kein Machtgefälle besteht, dass man "inter pares", von gleich zu gleich, spricht. Und wenn jemand dazu nicht bereit ist, dann eignet er sich nicht zu Streiten, sondern zum Befehlen. Das ist etwas anderes. Das Befehlen lebt davon, dass man nicht antwortet, sondern gehorcht.

Wie zeigt sich welche Streitkultur auf welcher sozialen Stufe? Es ist halt ein Problem, dass soziale Stufen oft auch Stufen der Bildung sind. Leute, die die Chance gar nicht hatten, das Streiten zu erlernen, sind oft sehr ungeschickt und werden vielleicht aus diesem Grund noch verschwiegener. Während jemand, der eine gewisse wissenschaftliche Schulung erhalten hat, wahrscheinlich argumentieren gelernt hat, wenn er nicht bei Idioten war - was aber nicht heisst, dass er auch im Alltagsleben sprechen kann. [...] Oft fliehen wir Konflikte. Wir tragen sie nicht öffentlich aus und auch intim, mit den Lebenspartnern, stellen wir sie unter die Glocke, in der Hoffnung, dass sie sich von selbst erledigen. Manchmal tritt das tatsächlich auch ein. Es ist keineswegs sicher, dass die beste Konfliktbewältigung immer in der Diskussion liegt. Es könnte Formen der Spannung und der Konflikte geben, in denen durch ein konfliktbewusstes Gespräch die Differenz so gross würde, dass nur noch die Trennung bliebe. [...] Ich kann mir durchaus Konflikte vorstellen, angesichts derer es hin und wieder besser ist zu schweigen und die Sache vorbeigehen zu lassen.

[...] Es schockiert uns immer wieder wenn, z.B. im ehemaligen Jugoslawien, jemand sagt: „Mein Nachbar und ich, wir waren früher Freunde, wir haben dies und jenes miteinander gemacht - und heute schies-sen wir aufeinander". Ja, so ist es. So blöd sind eben die Menschen. Es genügt, Ihnen zu sagen: „Du sollst schiessen!" und dann schies-sen sie. Kriege gehören in die Geschichte des Gehorsams. Das grosse Problem der Men-schen ist gar nicht ihre Agressivität, sondern ihre Neigung zum Gehorsam. Ihr serviles Ver-hältnis zur Macht ist das Böse. [...] Ich spreche ja nicht gegen jede Art des Gehorsams, son-dern nur gegen den, der sich auf keine Art und Weise legitimieren lässt. Die schlimmste Art von Gehorsam ist der Gehorsam angesichts von absoluten Handlungen. Darunter verstehe ich Handlungen, deren Folgen in keiner Weise wieder gutgemacht werden können. [...]

Heisst das: Wenn die Einzelnen lernen, ihre Meinung zu äussern, zu ihrer Meinung zu stehen und dafür zu streiten, werden sie weniger leicht gehorchen? Das denke ich. Wenn sie lernen, "zurückzugeben" (wie man auch sagt, für verbales Streiten), wenn sie lernen, das ALLEN gegenüber zu tun, nicht nur gegenüber den Freunden, sondern auch gegenüber den politischen Instanzen und anderen Autoritäten, dann, glaube ich, verschwindet viel Angst. [...]

[...] Das ist doch etwa die Kernaussage der letzten Sätze: Mehr Streiten kann Kriege verhindern. Ja das denke ich allen Ernstes. Wenn man mehr, aber diszipliniert streitet, sich also gegenseitig deutlich macht, wo die Diffe-renzen und das Nicht-Einverständnis liegen, haben in der Politik die Offenheit, die Wahrhaftigkeit und der zivile Mut eine bessere Chance. Damit wächst auch die Chance für die Akzeptanz des anderen und für den nicht faulen Kompromiss, während die Chancen des abso-luten Gehorsams sich verringern. Das sind lauter gute Voraussetzungen für den Frieden.

 

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