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Dokumentation und Auswertung: Nicht nur für die Wissenschaft

| "Um eine Metapher zu bemühen, könnte die Arbeit im Zentrum als der Versuch verstanden werden, unbekanntes Land zu kartographieren, in Pionierabsicht neue Gefilde zu erkunden und Wege dort anzulegen, wo noch kaum jemand seinen Fuss hingesetzt hat. Ein solches Vorgehen ist eine ständige Suchbewegung und ein permanentes Reagieren auf neue Situationen und Begegnungen. Erst im Rückblick kann überblickt werden, welcher Weg beschritten wurde und wo die Spuren sich im Kreise drehten." [1] |

Viel Aufwand für Administratives?
Die Arbeit in einem Erwerbslosen-Selbsthilfeprojekt hat, wie bereits früher dargelegt, den Charakter eines Experiments. Wer von Experimenten hört, denkt wahrscheinlich zuerst an naturwissenschaftliche Experimente und weniger an Experimente zur sozialen Innovation. Bei einem naturwissenschaftlichen Experiment scheint es uns selbstverständlich, dass das Vorgehen genau dokumentiert wird. Wie sollen die Wissenschaftler/innen sonst herausfinden, wie sie die Experimentieranlage verändern sollten, wenn ihnen nicht bekannt ist, welche Menge welcher Stoffe unter welchen Voraussetzungen diese oder jene Reaktion hervorgerufen haben? Manche mögen einwenden, dass sich das Zusammenwirken von Menschen doch nicht mit dem Zusammenwirken chemischer Stoffe vergleichen lasse. Andere werden sagen, dass das Machen das Wichtige sei, und dass für Aufschreiben und Formulare ausfüllen nun wirklich keine Zeit übrig sei.

Auch die Erwerbslosen-Selbsthilfe von Kontaktstelle und Arbeitslosenkomitee hat der Dokumentation und Auswertung der eigenen Arbeit lange Zeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Damit haben wir uns und jenen, die unsere Arbeit kennenlernen und unterstützen wollten, keinen Dienst erwiesen.

-  Wie können wir begreifen, wo die Stärken und Schwächen unseres Experimentes sind, wenn wir keine gemeinsame Grundlage zur Analyse haben?
-  Worauf können wir unsere Vermutungen, Gedankenexperimente, Analogien oder Zukunftsmodelle abstützen, wenn das Erfahrene nirgends festgehalten wurde?
-  Wie können wir potentielle Unterstützer/innen davon überzeugen, in unsere Arbeitsweise zu investieren, wenn der Projekterfolg nur in der Erinnerung der Teilnehmer/innen dokumentiert ist?

-  Einfache Methoden: Die Kontaktstelle für Arbeitslose hat in der Zwischenzeit verschiedene Methoden der Dokumentation und Auswertung ausprobiert:

-  Projekttagebuch: Entweder für eine ganze Projektgruppe (z.B. bei der Busreise "die Schweiz von unten"), als Aufgabe einer einzelnen Person für die Gruppe, oder als persönlicher Begleiter der einzelnen Personen durch das Projekt. Das Projekttagebuch kann Grundlage für eine Veröffentlichung sein, oder rein intern helfen, die Übersicht über die Entwicklung des Projektes zu behalten.

-  Wissenschaftliche Begleitung: Wenn eine gute Partnerschaft gefunden werden kann, wenn die Chemie stimmt, dann ist eine wissenschaftliche Begleitung Gold wert. Der geschulte Blick von Aussen gibt unerwartete Erkenntnisse und Anstösse, und durch die Einbindung in ein wissenschaftliches Projekt erhält die Auswertung Raum und Zeit, die sie in der Hektik des Projektalltags in aller Regel nicht erhält. Natürlich lässt sich nicht immer ein/e passende/r Student/in auf der Suche nach einem Lizentiatsthema finden. Eine andere Möglichkeit, in den Genuss einer fachlichen Begleitung zu kommen, ist, bei gut finanzierten Projekten, die Begleitung durch eine Fachperson von Anfang an mit zu budgetieren.

-  Dokumentation als eigenes Projekt: Manchmal gibt es gute Gründe, keine Fachperson beizuziehen. Dieses Handbuch z.B. dokumentiert die Arbeit der KONTAKTSTELLE FÜR ARBEITSLOSE. Das Zielpublikum des Handbuches sind Menschen, die sich für die Erwerbslosen-Selbsthilfe engagieren, unabhängig davon, ob sie eine höhere Fachbildung haben oder nicht. Damit das Handbuch sprachlich nicht an jenen vorbeisaust, welche es erreichen will, ist es sinnvoll, wenn es von Praktiker/innen geschrieben wird. Überhaupt erachten wir jedes Stück Text, in dem die Basis sich zu Wort meldet, als mindestens so wertvoll, wie die Analysen der Fachwelt. Wo nur noch die Fachwelt zu Worte kommt, steigt auch die Gefahr, dass die Menschen, die von einem Sachverhalt betroffen sind, nur noch als "Probleme" auftauchen. Eine einfache Methode, das Wissen und die Erfahrungen der Basis festzuhalten und sogar international zugänglich zu machen, hat uns so beeindruckt, dass wir sie hier näher vorstellen wollen.

Die Fichen des DPH (Dialog für den Fortschritt der Menschheit) [2]
"Wie oft haben wir dieses seltsame Gefühl, von Information überschwemmt zu sein, solche die zu uns gehört, und solche die zum "Aussen" gehört, aber uns trotzdem betrifft? Wie oft haben wir den Eindruck, in kurzer Zeit viel gelernt zu haben, in einer Arbeitsgruppe, während eines Erfahrungsaustauschs oder einer Begegnung? Viel gelernt, und dieses Wissen sogar mündlich entwickelt, und doch fast nichts schriftlich festgehalten? Manchmal führen wir über Jahre hinweg Archive, Tonband- und Vi-deoaufnahmen... für später, wenn wir Zeit haben. Wie viele sorgfältig formulierte Texte haben wir verfasst, weil wir "mussten", zu unserer Rechtfertigung. Und wie viel Wissen haben wir angesammelt, das sich nie setzen konnte, nützliche, zerzauste Informationen... Was wir Ihnen vorschlagen, falls sie das Bedürfnis haben, Ihre Erfahrungen und Überlegungen niederzuschreiben, falls Sie Ihre Informationen strukturieren wollen, ist der Zugriff auf eine einfache Methode, die Sie jetzt anwenden können. ..."

Die Methode lässt sich so zusammenfassen: Das Produkt ist eine "Fiche", welche gewisse formale Vorgaben berücksichtigt und für sich allein eine "autonome Informationseinheit" ist. D.h. Wer eine solche Fiche liest, sollte aus ihr alle nötigen Informationen herauslesen können, die es braucht um den Zusammenhang des Textes zu verstehen. Die Fichen können in die Datenbank des DHP eingegeben werden. So wird der Text weltweit per Internet abrufbar. Die Technik ist aber auch interessant, wenn die Eingabe in die Datenbank nicht angestrebt wird, denn sie eignet sich auch für Personen, die nicht schreibgeübt sind. Die Texte können auf verschiedene Weise entstehen. Besonders interessant ist es, wenn die Texte in einer Gruppe entstehen und vor dem Schreiben erzählt werden.

Die Vorgaben des DPH sind:
-  Maximale Textlänge (7500 Zeichen, ca. zwei A4-Seiten)
-  Aufbau gemäss Maske: Titel, Untertitel (drei Linien), Haupttext (Was? Wie? Wann? Wo? Warum? Wie? Zu welchem Ziel? Grenzen, Probleme), Kommentar (Zusammenhang klären), Notizen (Entstehung der Fiche), Quellenangaben, Autor/in, Schlüsselwörter (unter welchen der Text in der DPH-Datenbank gefunden werden soll), Kontaktadressen (für Leser/innen, die Kontakt aufnehmen wollen).
-  Die Texte müssen Originaltexte sein, also eigene Gedanken, Erlebnisse wiedergeben und nicht Kopien fremder Texte sein. Sie können z.B. folgende Themen haben: Bericht eigener Erfahrung oder Wahrnehmung / Beschreiben einer Vorgehensweise oder Strategie / Vorstellen eines Vereins, Projektes o.ä., seiner Geschichte, Aktivitäten und Perspektiven / eine Geschichte, Parabel o.ä. nacherzählen / eine Lebensgeschichte / eine Annäherung an ein Kunstwerk, ein Buch, einen Film, einen Ort...

Die Entstehung der Texte in der Gruppe:
Ein/e Moderatorin führt die Gruppe im Gespräch zum Thema. Die Teilnehmer/innen bilden anschliessend Zweier-Teams. A erzählt B seine Geschichte, B fragt nach und macht sich Notizen. Anschliessend erzählt B A seine Geschichte. B schreibt die Geschichte von A auf, und umgekehrt. Anschliessend besprechen A und B die beiden Texte und überarbeiten sie. Nach der ersten Überarbeitung werden alle Texte im Plenum vorgestellt und diskutiert. Es folgt wahrscheinlich eine weitere Überarbeitung. Zum Schluss versieht A den Text, welchen B über seine Geschichte geschrieben hat, mit einem Kommentar, und B macht dasselbe mit seiner Geschichte. Da die Texte in der Gruppe entstehen, kann gleichzeitig eine Dokumentation entstehen und eine erste Auswertung erfolgen.

Literaturempfehlung:
"Soziale Innovationen - für eine zukunftsfähige Entwicklung in Europa" CEDIDELP / CAF 1999, ISBN 2-910887-06-5: Die Texte sind alle auch als Fichen in der DPH-Datenbank abrufbar. Sie stellen Projekte aus ganz Europa vor, welche in einem der folgenden Bereiche arbeiten: Sich Konflikten stellen / Ökologisch und auf die Mitmenschen bezogen bauen und leben / Neue Arbeitsplätze schaffen / Eine solidarische und verantwortungsbewusste Wirtschaft aufbauen / Alternativen zum Privatauto finden / Anders informieren, erziehen, bilden / Netzwerke aufbauen (u.a. DPH).

[1] Stoller 1996, S. 30

[2] Die Datenbank der DPH (dialogues pour le progrès de l'humanité - Dialog für den Fortschritt der Menschheit) hält weltweit subjektives Wissen zum Fortschritt der Menschheit fest. Weitere Informati-onen: www.webdph.net

 

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