viavia.ch

Soziale Genossenschaften - ein Blick nach Italien

Die italienische Genossenschaftsbewegung In Italien haben Genossenschaften eine lange Tradition [1]. In der Region Emilia Romagna konzentriert sich sogar die grösste genossenschaftliche Produktion der Welt: Mitte der 80er Jahre arbeiteten hier 50% der Bevölkerung in einer Kooperative. Im Verlaufe der Zeit haben sich die Genossenschaften den jeweiligen Bedürfnissen angepasst. Während früher die landwirtschaftliche Kooperative mit Mittelpunkt stand, entstehen heute Kooperativen wie Gemeinschaftspraxen freier Berufe, neue Dienstleistungsagenturen, Softwarehäuser, Freizeit-, Bildungs- und Kultureinrichtungen. Eben so, wie sich die Genossenschaften den Bedürfnissen der Zeit angepasst haben, wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts die Gesetzgebung permanent an die Entwicklung angepasst.

Italienische Verfassung von 1947, Art. 45 [2]:
"Die Republik anerkennt die gesellschaftliche Funktion der Genossenschaft mit Selbsthilfecharakter und ohne die Zielsetzung des privaten Gewinnstrebens. Das Gesetz fördert sie und begünstigt ihr Wachstum mit den dafür geeigneten Mitteln und garantiert ihren Charakter und ihre Zielsetzungen durch entsprechende Kontrollen"

Aus der Vielzahl der Genossenschaften ist eine eigentliche Kultur der Kooperation erwachsen, die heute dazu beiträgt, dass die Emilia Romagna zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Regionen der Welt gehört. Diese Kultur der Kooperation zeigt auch über die genossenschaftlich organisierte Wirtschaft hinaus Wirkung. Ein Beispiel dafür: Die regionale Wirtschaftsförderung akquiriert auf dem Markt der globalen Wirtschaft Aufträge, die keiner der Betriebe in der Region allein ausführen könnte. Um den Auftrag ausführen zu können, werden die verschiedenen Teilarbeiten unter den Betrieben der Region aufgeteilt. 80% der Vereinbarungen, die für die Kooperation nötig sind, laufen per Handschlag, also auf blosse mündliche Absprache hin.

Genossenschaften sind für ganz Italien von wirtschaftlicher Bedeutung. 1970 waren insgesamt 48'297 Genossenschaften registriert, 10 Jahre später bereits 84'183, En-de 1990 zählte das Land gar 159'417 genossenschaftliche Unternehmen [3]. In den vergangenen Jahren konnten sich die Genossenschaften vor allem auch in wirtschaftlichen Übergangszonen im Süden etablieren.

Sozialgenossenschaften
Bei dieser Tradition erstaunt es nicht, dass Italien auf der Suche nach Handlungsstrategien gegen Arbeitslosigkeit und Armut oder für soziale Integration den Weg über die genossenschaftliche Organisation gewählt hat. Seit 1977 gibt es als Mittel zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit ein spezielles Gesetz zur Förderung von Jugendgenossenschaften und 1991 wurde das Gesetz zur Regelung der Sozialen Ko-operativen erlassen. Bei allem Lob für die staatliche Förderung der genossenschaftlichen Selbsthilfe darf allerdings nicht vergessen werden, dass sich in Italien der Staat aus vielen sozialen Aufgaben zurückzieht. Ein wichtiger Faktor für die Gründung vieler Sozialgenossenschaften war die Öffnung der Psychiatrien. Viele Familien waren mit der Aufgabe, sich allein um ihre pychisch kranken Angehörigen zu kümmern, überfordert und fanden in der Gründung von Sozialgenossenschaften eine angepasste Lösung. Das Gesetz von 1991 sieht zwei Typen von Sozialgenossenschaften vor: Typ A (Dienstleistungen in den Bereichen Erziehung und Gesundheit) und Typ B (berufliche Eingliederung von Personen mit Schwierigkeiten).

Sozialgenossenschaft Typ A:
Bis zu 50% der Mitarbeiter/innen dürfen Freiwillige sein, die keinen Lohn beziehen aber gegen Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten versichert sind. Die - oft katholisch orientierte - Kooperative hat zum Ziel, aus Gründen der Solidarität soziale Hilfestellungen zu geben. Arbeit und Einkommen stellen nicht die primäre Motivation der Mitglieder dar. Der Nutzen kommt vor allem Benachteiligten zugute, die nicht Mitglieder der Kooperative sind. Die meisten dieser Kooperativen arbeiten im Bereich der häuslichen Pflege. Manchmal werden zum Zweck der Betreuung auch Werkstätten betrieben, die selbst aber nicht gegen Geld Waren oder Dienstleistungen anbieten dürfen. Die Werkstätten und Betriebe dienen nur als "heilpädagogisches" Mittel. [4]

Sozialgenossenschaft Typ B:
Hier müssen mindestens 30% der Mitarbeiter/innen Personen mit Schwierigkeiten sein (z.B. Menschen mit Behinderung, Haftentlassene, psychisch Kranke, Drogenabängige, Alkoholiker, Kinder aus Problemfamilien). Ziel der - oft linksorientierten - Typ B-Kooperativen ist es, gemeinsam in einem Betrieb zu arbeiten und am Markt Einkünfte zu erzielen. Alle Mitarbeiter/innen sind Mitglieder der Kooperative. Der Staat übernimmt die Sozialversicherungsbeiträge der "Personen mit Schwierigkeiten", zudem können diese Kooperativen in den Genuss von Steuerermässigungen oder -erlässen und Subventionen kommen. Die meisten Typ B-Kooperativen sind in den Bereichen Landwirtschaft, Handwerk, Industrie oder Handel tätig.

Vernetzen und Ausbilden
Genossenschaftliches Wirtschaften will gelernt sein. Die Genossenschaften sind oft Kleinunternehmen, die sich auf regionaler Ebene zu Konsortien zusammenschliessen, welche wiederum national eingebunden sind. Diese Vernetzungen erleichtern den Absatz der Waren bzw. Dienstleistungen und gewährleisten eine hohe Qualität in der Aus- und Weiterbildung [5]. Auch die Gewerkschaften engagieren sich in der Förderung des Genossenschaftswesens. Die Assoziation CENASCA z.B. fördert die Gründung von Genossenschaften unter Entlassenen aus Konkursbetrieben und Arbeitslosen [6].

[1] Die Informationen in diesem Kapitel beziehen sich hauptsächlich auf den Artikel: Elsen Susanne, "Gemeinwesenökonomie und Gemeinwesenarbeit im Zeitalter der Globalisierung"; in: Jahrbuch Ge-meinwesenarbeit, 6, "Solidarische Ökonomie und Empowerment", AG SPAK, Neu-Ulm, 1998

[2] Zitiert nach Elsen 1998, Seiten 92/93.

[3] Randow Matthias: "Genossenschaftsförderung in Italien - Ein Beispiel für Auswege aus der wirtschaftspolitischen Erstarrung?" TAK AÖ-Rundbrief Nr. 82, 1998 www.leibi.de.

[4] Siehe auch: Haensch Dietrich "Sozialgenossenschaften in Italien..." und Monika Schnieder "Sozialkooperativen in Italien", beide auf der Homepage der TAK AÖ: www.leibi.de

[5] z.B. das Consortio Nazionale della Cooperazione di Solidarietà Sociale "Gino Mattarelli"

[6] Mehr dazu: Randow 1998.

 

nach oben