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Reisebericht Berlin 2001

Freitag 5. September 2003.



Titel/Untertitel der Fiche:

Armutskonferenz von unten

Diskussionskultur der Betroffenen und internationale Zusammenhänge (Euromarsch)

Autorin der Fiche: Brigitte Hoffmann Datum der Redaktion der Fiche: 29.5.01

Principaux faits et idées retenus: Der Verein "Die Hängematten" veranstaltete im November 2000 in Berlin einen Kongress zum Thema Armut. Ca. 100 Personen nahmen an den beiden Tagen teil. Die allermeisten waren Armutsbetroffene für die der Kongress eine Bühne darstellen sollte. Ganz wenige TeilnehmerInnen vertraten Politik oder das Sozialwesen. Die Informationen, die von der vorbereitenden Gruppe aufbereitet oder die in den Arbeitsgruppen erschlossen wurde, waren eher dürftig. Hingegen fand ich die Diskussionen sehr spannend und interessant. Die Betroffenen stammten aus den Bezirken Friedrichshain, wo die 'Hängematten' zu Hause sind, Neuköln, Kreuzberg, dem Wedding und unsere Delegation des VETO aus dem Dreieckland. Neben der Wahrnehmung der Armutsproblematiken durch die Betroffenen selber, neben der Frage, mit welchen Forderungen an die Gesellschaft gelangt werden soll, faszinierte mich am Kongress die Art wie miteinander umgegangen wurde. Die Betroffenheit äussert sich durch all jene, die durch die Lebensumstände kaputtgehen resp. kaputtgegangen sind. Viele TeilnehmerInnen waren massiv geschädigt, manche konnten eloquent, philosophisch reden und sind doch randständig, skurril, aber mit einem enorm starken Drang sich mitzuteilen. Und sie hatten etwas mitzuteilen. Es war ein Melting Pot - ein Schmelztiegel der schwierigsten Lebensumstände, die zur Sprache kamen. Die politischen Inhalte und Programmdiskussionen blieben schlussendlich sekundär, während die Berichte aus dem Alltagskampf ein präzises Bild der Armutssituation lieferten. Die höchste Qualität der Konferenz war, dass niemand, wirklich niemand ausgegrenzt wurde. Es war für mich wie ein 'Corte dei miracoli'. Im 'normalen' Alltagsleben erlebe ich oft, wie in Machtkämpfen Menschen erbarmungslos ausgegrenzt werden. Die Ausgegrenzten, an die untersten Bereiche der Gesellschaft gedrückten Menschen, verstanden es aber, dieses Verhalten nicht zu reproduzieren, sondern in einer Stimmung des Respekts füreinander aufeinander zu hören. Natürlich war es das Verdienst der OrganisatorInnen, die während zwei Tagen ihre hauptsächliche Energie darauf verwendeten, dass Regeln des Dialoges eingehalten wurden. Jeder konnte zu Wort kommen; auch wenn die Aussagen unverständlich blieben oder etwas ganz anderes betrafen, wurde nicht sofort das Wort abgeschnitten, sondern immer wieder darauf hingewiesen, um was es bei der Diskussion eigentlich gehen soll. Die selbstdisziplinierte Haltung der 'Hängematten' übertrug sich auf das Publikum. Dies war die eigentliche Qualität der Konferenz. Denn angesichts der erlittenen Demütigungen, der physischen und psychischen Verletzungen, der elenden Herabsetzung der Betroffenen durch die Gesellschaft gab ein Riesenpotential an Frust und Wut, das aber auch sich gegenseitig verschlingen kann. Durch die angelegte Diskussionskultur war das Publikum eingebunden, übernahmen den Respekt den anderen gegenüber und übten sich in Geduld, auch äusserst mühsame Gestalten zu 'ertragen'. Es gab ja im Raum genügend Grund, dass die Leute sich gegenseitig die Köpfe einschlagen oder blind einem Feindbild erliegen. Aggressionen und Gewalt erleben alle tagtäglich. Mittels Ausgrenzung werden normalerweise Konflikte 'gelöst'. Es war beeindruckend, mit wieviel Sicherheit es den OrganisatorInnen gelang, einen toleranten Umgang untereinander - unter den Geschlagenen - herzustellen auch auf Kosten des Inhaltes. Es war ihnen schlussendlich viel wichtiger, diesen Umgang zu finden, als am Schluss weitentwickelte Konzepte der Armutsbekämpfung präsentieren zu können. Denn wenn die Gesellschaft versagt, einen humanen Umgang mit den 'überflüssigen' Menschen zu finden, wer sollte es dann sonst, wenn nicht die Betroffenen selber untereinander? Wer waren die Leute der Hängematten? Petra- die Doktorin der Philosophie; Sonja, welche als Waise in schwierigsten Umständen aufwuchs oder Carsten, der Student, der in ihrem Büro und Lokal 'Zielona Gora' (Polnisch für Grünberg, an der Grünbergerstrasse lag das Lokal) mitarbeitet. Es waren nicht die Dogmatiker aus der alten SED, die auch an der Konferenz vertreten waren. In Friedrichshain, ehemals im Ostteil von Berlin gelegen, haben die Leute heute eine 12 Jahre kürzere Lebenserwartung als der Durchschnitt in Deutschland. 11 Jahre nach dem Mauerfall hat sich die Situation der Menschen massiv verschlechtert. Eine Vertreterin des Bundesverbandes der SozialhilfeempfängerInnen erläuterte in ihrem Referat die Idee des Grundeinkommen. Eine lange Diskussion löste die Frage aus, ob sich Betroffene in Gremien der Behörden engagieren sollen. Viele Erfahrungsberichte zeigten, dass sie dort häufig 'über den Tisch gezogen werden'. Heftige Auseinandersetzungen provozierte René mit seinem Referat über die 'Pathologisierung der Armen durch den therapeutischen Staat'. René vertrat die Irrenoffensive, einer Vereinigung Psychiatrie-Erfahrender. Schlagwortartig und glasklar legte er dar, wie sich die Gesellschaft immer mehr nur noch aus Betreuten und Betreuenden bestünde. Er zeichnete ein Bild eines totalitären Systems, das mittels Dezentralisierung der psychiatrischen Dienste jeden Winkel ausleuchtet und abweichendes Verhalten als krankhaft, immer mehr auch genetisch begründet, einer zwangsmässigen Behandlung zuführt. Die hochstehende Diskussion - von vielen Psychiatriebetroffenen selber geführt - zeigte, dass diese Sicht jede Hilfe ausschliesst, dass das freiwillige Aufsuchen einer Station ebenso eine Unterdrückungsmassnahme darstellen würde etc. Die VertreterInnen der Irrenoffensive verteilten eine Vorsorge-Vollmacht, mit der man sich einer administrativen Einweisung schützen kann.

Rückblickend kann gesagt werden, dass die Konferenz eine Konzentration der Sichten der Direktbetroffenen erlaubte und die Vielzahl an Problemen zur Bewältigung des einfachsten Alltages aufzeigte. Eine grosse Zeit und die meiste Energie verbraucht sich darin. Die Schwierigkeiten der Selbsthilfe wurden deutlich, da diese immer eine Konzentration der Probleme darstellen, welche auch gemeinsam nicht einfach bewältigt werden können. Die Gruppen sind dazu verdammt, sich mit sich selber zu beschäftigen. Finden die Betroffenen - durch eine bewussten Umgang mit sich selber - eine gemeinsame Sprache, so macht dies Angst. Die Gesellschaft hat eine grosse Angst vor einem Lumpenproletariat, das sich organisiert. 1997 hatten sich hunderte von Betroffeneninitiativen in ganz Europa mit einfachsten Mitteln organisiert und konnten anlässlich des EU-Gipfeltreffens eine Grossdemonstration in Amsterdam auf die Beine stellen. Die Bevölkerung hat diese Anstrengung honoriert, indem sie selber die Strassen säumten, während Politik und Wirtschaft sich in von Polizei und Militär abgesperrten Bezirken verschanzten.

Commentaire (ce que cela vous inspire à la lumière de votre expérience): Der Bericht wirkt zunächst widersprüchlich, ist es im Endeffekt aber nicht. Das Hauptaugenmerk legte der Berichterstatter auf die soziale Komponente - und danach fallen ihm noch sehr viele Inhalte ein, die ihm wichtig waren, aber an zweiter Stelle. Der Umgang der Menschen miteinander hatte für ihn eine besondere Qualität, die er persönlich als Teilnehmer an dieser Konferenz ebenfalls erlebt hat. Er, der wie alle VETO-Mitglieder für die Betroffenen aus Berlin beinahe aus einer 'anderen' Welt ('reiche Schweiz, reiches Süddeutschland, reiches Elsass') kam, und doch willkommen geheissen wurde und auch nicht ausgegrenzt wurde, sondern im Gegenteil: den man offen und freundlich begegnete und dem man auch zuhörte.

Eléments d'information complémentaires:
Die 'Hängematten' im Stadtteilladen Zielona Góra, Grünberger Str. 73, 10245 Berlin-Friedrichshain
www

Dans quel cadre la fiche a-t-elle été rédigée?
ARSO Chantier Precarité
Deutsch

Mots-clés DPH
Ausgrenzung, Überleben, Armut, Selbsthilfe, Streitkultur, Lebenserwartung

Mots-cles géographiques:
Deutschland, Berlin, Friedrichshain




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