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> > AKB > A-Post > A-Post 2003 Nr. 2 und 3

"Es braucht die Lust am Experiment"


Roger Winterhalter, pensionierter Buchhalter und während 25 Jahren Bürgermeister der Gemeinde Lutterbach bei Mulhouse, ist Initiant der „Maison de la Citoyenneté Mondial" (Haus der Weltbürgerschaft). Er hat verschiedene Betriebe auf dem Weg zur Genossenschaft begleitet, als Bürgermeister förderte er Projekte lokaler und internationaler Solidarität. Mit Roger Winterhalter sprach CLAUDIA STUDER.



"Ohne Praxisversuch gibt es keine Entwicklung!" Roger Winterhalter vor der "Maison de la Citoyenneté Mondiale" in Mulhouse.

A-POST: Wie ist es gekommen, dass Du Dich für Soziale Ökonomie interessierst und einsetzt?
In Frankreich hat jeder Betrieb mit über 50 Angestellten obligatorisch eine Betriebskommission, und diese hat das Recht, die Finanzen des Betriebs, auf Kosten des Betriebs, durch eine Fachperson überprüfen zu lassen. So wurde ich als Buchhalter immer wieder von den Gewerkschaften mit solchen Überprüfungen beauftragt. Ich hatte wirklich Einblick in die Buchhaltungen sehr vieler Betriebe. Ich wusste über Lohnunterschiede Bescheid, über die Abhängigkeit eines Betriebes von bestimmten Abnehmern, über Forschungsbudgets, über Immobilienverkäufe, etc. Das sind Einblicke in Fakten, die einem wirklich helfen, sich ein Bild von der Unternehmenssituation und -politik zu machen.

Was hast Du mit diesem Wissen gemacht?
Ich habe nicht einfach Rapporte für die Schublade geschrieben, sondern immer das Gespräch mit den Leuten gesucht, die in diesen Betrieben arbeiteten. Ich habe ihnen meine Interpretation der Fakten vorgestellt, und das gab spannende Diskussionen über Gewinnspannen, Einsatz von Temporärarbeitenden, Investitionen in den Betrieb, etc. Für mich selber hat die ständige Einsicht in Bilanzen zur Erkenntnis geführt, dass die Arbeitenden ihre Arbeitskraft immer billiger verkaufen, und dass sie im Grossen und Ganzen keinen Einfluss auf die Entwicklung des Geschäfts haben. Ich denke, Arbeit ist ein wichtiger Teil des Lebens, das Leben fängt nicht erst nach dem Feierabend an. Deshalb habe ich angefangen, mich für Genossenschaften zu interessieren.

Was ist für die ArbeiterInnen in einer Genossenschaft anders als in einem kapitalistischen Unternehmen?
Genossenschaften ermöglichen den Angestellten, Verantwortung zu übernehmen und an der Macht teilzuhaben. Es ist die Gelegenheit zu zeigen, dass man anders arbeiten kann - auch wenn die Genossenschaft in einem kapitalistischen Umfeld bestehen muss. Da sind ihr natürlich Grenzen gesetzt. Und noch etwas darf man nicht vergessen: mit einer Genossenschaft kann man nicht ein gescheitertes kapitalistisches Unternehmen retten. Es gibt meistens handfeste wirtschaftliche Gründe, warum ein Unternehmen eingegangen ist.

Trotzdem hast Du selbst auch Betriebe auf dem Weg zur Genossenschaft begleitet, die eigentlich vor der Schliessung standen.
Das stimmt. Manchmal sollen Betriebe aus strategischen Überlegungen der Besitzer geschlossen werden. Vor ein paar Jahren gab es so einen Fall, bei einer Metall-Schmelzerei in den Vogesen. Der Besitzer wollte die Fabrik schliessen, obwohl sie eigentlich gut lief. Die 60 Angestellten haben daraufhin aus Protest die Fabrik besetzt: sie haben weiterhin in kleinen Mengen produziert, und vor allem haben sie verhindert, dass die Maschinen verkauft wurden. Es waren nicht nur die Arbeiter/innen in der Fabrik, die bei der Besetzung mitgemacht haben, sondern auch die Leute aus den Büros. Die Besetzung stiess in der Bevölkerung auf Sympathie, und sie bekamen moralische Unterstützung. Vor allem der Direktor eines benachbarten Spitals war sehr engagiert.

Die Besetzung dauerte sechs bis acht Wochen. Die Leute hielten Versammlungen ab und beschlossen, dass sie die Fabrik gemeinsam als Genossenschaft weiterführen möchten. Sie wählten den Spitaldirektor zu ihrem Delegierten. Bei den Nachforschungen, wie sie es genau anstellen sollten, eine Genossenschaft zu werden, stiessen sie auf mich.

Welche Abklärungen sind nötig, um sich an die Gründung einer Genossenschaft zu wagen?
Ich habe diesen Leuten erst mal theoretische Unterlagen über die Genossenschaft mitgegeben und mit verschiedenen Mitarbeiter/innen Gespräche geführt. Das ist nämlich etwas vom Wichtigsten: dass die Leute eine Mentalität haben, die sich für Genossenschaften eignet. Ebenso wichtig ist die wirtschaftliche Perspektive. Wir haben die Geschäftszahlen studiert und herausgefunden, dass alles von den Kunden abhängt. Wenn diese der Fabrik treu blieben, war die Zukunft gesichert. Also haben die Leute die Kunden besucht und Auftragszusagen gesammelt. Ein weiteres Problem war: wie soll die Firma geführt werden, es gab ja keinen Geschäftsführer mehr. Die Belegschaft fragte den Spitaldirektor an. Der hat zugesagt und wurde dann von der Betriebsversammlung zum Geschäftsführer gewählt.

Wie ist das denn finanziell gelaufen? Hat der frühere Patron seinen Arbeitern einfach einen günstigen Preis angeboten?
Nun, der Betrieb konnte tatsächlich sehr günstig gekauft werden, aber das geschah von Seiten des Patrons nicht freiwillig. Es gab neben dem Kaufangebot der Belegschaft wenig andere Angebote, und das lag natürlich an der Besetzung. So etwas macht einen Betrieb nicht zu einem attraktiven Verkaufsobjekt. Es war auch so, dass ein staatlicher Prüfer die Kaufangebote untersuchte, und gemäss dessen Bericht war nur das Kaufangebot der Belegschaft wirklich seriös. Die Leute konnten den Betrieb wirklich zu einem sehr günstigen Preis kaufen. Sie setzen einen Teil ihrer Ersparnisse oder Arbeitslosengelder ein - wer mehr hatte, gab mehr. Ich begleitete den Betrieb weiterhin als externer Berater. Das gab immer spannende Diskussionen mit den Angestellten. Nach einem Jahr zeigte sich, dass der Gewinn noch nicht hoch genug war, damit vernüftige Reserven und eine gute Liquidität gewährleistet gewesen wären. Die Angestellten haben dann beschlossen, dass sie auf den 13. Monatslohn verzichten, damit das Betriebskapital erhöht werden konnte.

Du hast gesagt, dass die Mentalität sehr wichtig sei. Kannst Du das genauer beschreiben?
Die Selbstverwaltung ist nicht eine Sammlung von Rezepten oder Strukturen, es ist vielmehr ein Verhalten und eine Haltung. Ein Mensch, der selber Verantwortung übernimmt und sein Leben lenkt, der aber auch ein solidarischer Mensch ist, der sich bewusst ist, dass der respektvolle und partnerschaftliche Zu-sammenschluss stark macht. Ich kann ein Gegenbeispiel machen: Etwa gleichzeitig mit der Schmelzerei bekam ich eine Anfrage von einem Betrieb, der in einer ähnlichen Situation war. Auch dort gab es keinen Geschäftsführer mehr, und die Belegschaft wählte einen Mann, den ihnen die Gewerkschaft empfohlen hatte. Schon am ersten Tag wollte er, dass für ihn ein spezieller Parkplatz reserviert werde. Der hatte einfach keinen kooperativen Geist. Und es hat mich nicht im Geringsten verwundert, dass der Betrieb nach einem Jahr definitiv schliessen musste.

Mich erstaunt, dass Du immer wieder von Geschäftsführern sprichst. Werden die Genossenschaften denn nicht kollektiv geführt?

Ich bin ganz klar für ein Management. Es braucht jemanden, der kompetent ist und Kompetenzen hat. Aber es braucht ebenso sehr Transparenz und Kontrolle. Alle, die in einem genossenschaftlichen Betrieb arbeiten, müssen Lust auf dieses Experiment haben und dürfen sich nicht auf die Rolle der Lohnempfänger zurückziehen. Jeder und jede muss zu Wort kommen können und trotzdem bereit sein, eine Hierarchie zu akzeptieren. Im Unterschied zu einem kapitalistischen Unternehmen wird die Geschäftsleitung aber von den Arbeitenden gewählt - und kann auch wieder abgewählt werden. Übrigens ist "Geschäftsführer" ein Wort, das mir nicht so gefällt. Ich spreche lieber vom "Animateur d'entreprise", vom Unternehmens-Animator.

Die Wirtschaft befindet sich in permanenter Krise. Werden künftig Genossenschaften und andere Formen sozialer Ökonomie mehr Gewicht haben?
Wir müssen global die Gesellschaft in Richtung mehr Solidarität ändern, und dazu müssen wir experimentieren. Es gibt viele verschiedene Wege, wie man eine "Wirtschaft im Dienste der Menschen" umsetzen könnte. Wichtig ist, dass man nicht immer nur davon redet, sondern wirklich auch Projekte umsetzt. Ohne Praxisversuch gibt es keine Entwicklung! Ich bin z.B. der Meinung, dass Strukturen nicht alles sind, und dass sich die Ziele der Sozialen Ökonomie auch im Rahmen einer AG oder einer GmbH umsetzen lassen.

Kennst Du dazu ein paar konkrete Beispiele geben?
Als ich Bürgermeister war, gab es in unserer Gemeinde eine kleine Brauerei, die wir vor der Schliessung zu retten wollten. Die Belegschaft hatte keine Lust auf genossenschaftliche Experimente, aber es fanden sich Kapitalgeber, die sowohl an der Brauerei, wie an Sozialer Ökonomie interessiert waren. Ich hatte schon früher einmal für eine Buchhandelskette eine Betriebs-Charta entworfen, und schlug nun bei der Brauerei dasselbe Vorgehen vor. Wir formulierten eine Charta, in der z.B. festgelegt war, dass ein bestimmter Anteil Leute mit Behinderung und ausgesteuerte Arbeitslose in die Belegschaft integriert werden sollen. Die Charta ist ein Versuch, eine AG anders zu bewirtschaften. Ob es klappt oder nicht, liegt daran, ob es einen "Animateur" dieser Idee gibt, der diese überzeugend vertritt.

 



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